Datenbank sucht nach klanglichen Wahrhaftigkeiten: Korrekte Aussprache fremder Namen ist kein Zufall
zuletzt aktualisiert: 15.04.2003 - 10:29Frankfurt/Main (rpo). Wenn der kongolesische Außenminister sich mit seinen Kollegen aus Finnland und Malaysia trifft, dann könnte das für Nachrichtensprecher zum GAU werden. Nicht aber für die Kollegen der ARD.
Hätte es sie 1980 schon gegeben, Nachrichtensprechern und ihren Hörern wäre einige Verwirrung erspart geblieben. Walesa, Walensa oder Walörsa klang es seinerzeit aus Radio- und Fernsehlautsprechern, als Dagmar Berghoff oder Hanns Joachim Friedrichs von dem Führer der polnischen Gewerkschaft Solidarnosz sprachen. Die Tücken fremder Ausspracheregeln sind heute, 23 Jahre später, kein Problem mehr. Die ARD verfügt über eine Aussprache-Datenbank.
Mehr als 90.000 Namen und Begriffe, die in früheren Zeiten Nachrichtensprechern gelegentlich ins Schwitzen brachten, sind einfach per Mausklick abrufbar. Der Leiter der Datenbank, Roland Heinemann, hat die Sammlung gemeinsam mit Wolfgang Sieber, Sendeleiter Hörfunk beim Hessischen Rundfunk, aufgebaut. Angesiedelt beim HR in Frankfurt ist das "Forscherlabor" die kleinste gemeinsame Einrichtung der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD).
Wer sich jedoch einen Computerarbeitsplatz mit Standleitungen zu führenden Linguisten in aller Welt vorstellt, sieht sich getäuscht. Ein kleines Büro im Frankfurter Funkhaus an der Bertramswiese ist der Ort, von dem Heinemann und zehn freie Mitarbeiter täglich Kontakte zu Informanten in der ganzen Welt herstellen und halten. "Nachschlagen, telefonieren, vergleichen", so beschreibt der gelernte Lehrer den üblichen Rechercheweg.
Mittlerweile habe man ein Gespür, wo man die benötigte Auskunft über die richtige Aussprache eines Eigennamens, Ortsnamens oder einer sonst wie gearteten regionalen Besonderheit bekommen könnte, sagt Heinemann. Eigene Korrespondenten und ähnliche Aussprache-Datenbanken wie etwa bei der BBC, deutsche Botschaften oder wissenschaftliche Einrichtungen in aller Welt seien ebenso Teil des Informationsnetzes wie eine Redakteurin bei der mongolischen Nachrichtenagentur in Ulan Bator. Das World-Radio-TV-Handbook etwa könne helfen, herauszubekommen, wer wissen könnte, wie der Name des aktuellen kongolesischen Innenministers nun genau auszusprechen ist. "Selbstauskünfte sind natürlich der sicherste Weg", erklärt Heinemann. Allerdings habe man einen zeitgenössischen Musiker vom Niederrhein schon mal auf dem falschen Fuß erwischt Dieser habe letztlich auch nicht gewusst, wie man seinen wohlklingenden Namen korrekt ausspricht.
Ist das geklärt, muss das Wort in die allgemein gültige Lautschrift der International Phonetik Association übertragen werden. Weil aber nur die wenigsten Redakteure diese beherrschten, habe man sich eine einfache Umschrift ausgedacht, die auch für Nicht-Sprachwissenschaftler lesbar sei. "So original wie möglich, so deutsch wie nötig", müsse die klangliche Übersetzung des Namens sein, erklärt Heinemann.
Als weiteren Service für die Nachrichtensprecher ist das schwierig klingende Wort zusätzlich auch online als Audiofile abrufbar. Alle Datenbankeinträge wurden von professionellen Sprechern eingesprochen, erklärt der 45-jährige Leiter der Datenbank. Das Abrufen der gespeicherten Einträge habe man am Nachrichtenalltag orientiert.
Tagesaktuell werde an der Datenbank gearbeitet, versichert Heinemann. Die Mitarbeiter durchforsteten auch selbst die Agenturen nach potenziellen Zungenbrechern. Und wenn kurz vor 20 Uhr die Kollegen der "Tagesschau" noch mal kurz anriefen, weil nicht der polnische Ministerpräsident Kwasniewski, sondern sein Stellvertreter mit dem unaussprechlichen Namen sich zu einem Thema geäußert hat, dann sei das eben auch kein Problem. Entweder hätten sie es schon in die Datenbank eingearbeitet, oder sie könnten es auch schon mal auf die Schnelle herausbekommen. Bis 22.00 Uhr sind die Ausspracheforscher erreichbar.
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