Der Neue im Hamburg-Tatort: Kurtulus, übernehmen Sie!
VON BARBARA GROFE - zuletzt aktualisiert: 26.10.2008 - 17:49Hamburg (RP). Mehmet Kurtulus ist der neue "Tatort"-Kommissar in Hamburg. Damit setzt der 36-Jährige erneut seine Vorliebe um, stets Rollen zu spielen, die keiner von ihm erwartet. So hat er bereits einen Grimme-Preis und den Goldenen Bären gewonnen.
Herzlich willkommen Mehmet Kurtulus“ steht auf dem Banner über dem Kino in Salzgitter. Mehmet Kurtulus steht darunter und wundert sich. Darüber, dass das Kino, in dem er schon als Kind saß, ihn mit einem Plakat begrüßt. Und darüber, dass er in seiner Heimatstadt zu einem Themenabend mit Diskussion eingeladen wurde. In Zukunft dürfte Kurtulus noch öfter Banner oder Plakate zu sehen bekommen, auf denen sein Name steht. Er ist der neue Tatort-Kommissar in Hamburg.
Ganz fremd ist ihm der Sonntagabend-Krimi nicht mehr. Im Dezember 2007 zeigte die ARD einen Hannoveraner Tatort, in dem Kurtulus einen deutsch-türkischen Ermittler an der Seite von Maria Furtwängler spielte. Der mit seiner Kollegin in der Kantine Sauerkraut und Kassler aß, sich als "nicht rasend gläubig" bezeichnete und am Ende des Films sogar "Mahlzeit" zum Abschied sagte. Schön unaufgeregt. Einfach so, wie Kurtulus auch seinen Hauptkommissar anlegen will.
"Ein Türke im Allerheiligsten der ARD" und "Eine Bastion ist gefallen" hatte das Hamburger Abendblatt geschrieben, nachdem bekannt wurde, dass der in der Türkei geborene Kurtulus ausgerechnet Robert Atzorn in Hamburg ablösen soll. Für Kurtulus klang das komisch, er empfindet seinen neuen Job nicht als Riesengeschichte – jedenfalls nicht, wenn er an das Thema Integration denkt. "Das größtmögliche Maß an Integration ist Normalität", sagt der Neue. "Deshalb wünsche ich mir, dass die Zuschauer den Tatort nach seiner Qualität bewerten und erst dann überlegen, ob der Name des Hauptdarstellers ein türkischer war."
Dennoch: Mehmet Kurtulus ist froh darüber, im Ersten zu ermitteln. "Für mich ist das eine weitere Pionierarbeit", sagt er. "Diesen Weg bin ich schon mit früheren Filmprojekten gegangen." Als er in Fatih Akins Debütfilm "Kurz und schmerzlos" den Ex-Kriminellen Gabriel spielte und der Film auf Anhieb den Bayerischen Filmpreis sowie den Adolf-Grimme-Preis gewann. Als er mit seiner Rolle in Doris Dörries "Nackt" der erste türkische Kino-Schauspieler war, der nicht als Türke besetzt wurde. Oder als er "Gegen die Wand" mitproduzierte, obwohl er das noch nie gemacht hatte. Weil er immer Neues sucht, darauf achtet, sich nicht zu wiederholen, hat Kurtulus keine Angst, in Zukunft nur noch der Kommissar aus der ARD zu sein. "Mir ist klar, dass man viele Tatort-Darsteller ausschließlich damit in Verbindung bringt. Trotzdem habe ich keine Angst, festgelegt zu werden."
Für sechs Folgen hat er sich zunächst verpflichtet und einen Exklusivvertrag mit der ARD unterschrieben: Es gibt keine anderen Fernsehfilme in dieser Zeit. "Wenn ich etwas mache, dann ganz", sagt Mehmet Kurtulus. Zweimal im Jahr wird er Hauptkommissar Cenk Batu spielen, die restliche Zeit an Kinofilmen arbeiten. Nur Fernsehen, das kann er sich nicht vorstellen: "Ich liebe das kleine Spiel auf der großen Leinwand." Weil dort die künstlerische Freiheit noch größer ist. Kurtulus will versuchen, an seinem ganz eigenen Tatort mitzubasteln. Wie genau Cenk Batu sein wird, welche Macken er hat und welche Stärken, weiß der Schauspieler noch nicht. "Kreativität entwickelt sich, diesen Prozess kann man nicht steuern."
Dass die Schauspielerei ihm liegt, ahnte Mehmet Kurtulus früh. "Ich hatte als Kind riesigen Spaß an Sprache und ihrer Wirkung." Seiner Familie Witze zu erzählen, in der Schule Geschichten vorzulesen, das war sein Ding. Auf eine Schauspielschule zu gehen, kam nicht in Frage. "Von Schauspielschülern hatte ich gehört, dass die dort versuchen, einem ihren Stempel aufzudrücken. Das wollte ich nicht."
Kurtulus ging nach Hamburg, spielte kleinere Rollen – und wurde von Evelyn Hamann entdeckt. Die Schauspielerin schlug ihn für Rollen vor, empfahl in ihrer Lehrerin Anne Marks-Rocke. "Sie unterrichtete mich in ihrer Altbauwohnung in Hamburg-Eppendorf. Das war viel Schauspielphilosophie einer alten Dame", sagt Kurtulus.
Seine Familie, Kurtulus kam mit drei Jahren aus Usak in der Türkei nach Salzgitter, hat lange nicht verstanden, was der Junge so machte. Sie wollte, dass er was Anständiges lernt, Ingenieur vielleicht oder ein Handwerk. Hinter ihm standen die Eltern trotzdem. "Sie haben nie versucht, mich von meinem Weg abzubringen, oder mich mit Gleichgültigkeit zu bestrafen", sagt Mehmet Kurtulus. Dafür ist er dankbar. Und daher, davon ist er überzeugt, kommt sein Vertrauen, dass immer alles irgendwie gut wird.
Fehlte ihm dieses Vertrauen, hätte er es nicht gewagt, zu Beginn seiner Karriere Rollen abzulehnen. Nach "Kurz und schmerzlos" wurden Kurtulus mindestens drei Rollen angeboten, die der Figur des Gabriel sehr ähnlich waren. Er wollte nicht: "Ich hatte die Bomberjacke gerade erst ausgezogen." Nach dem Fernsehfilm "Der Tunnel" sollte er nur noch Amerikaner spielen: "Ich hatte den Akzent aber schon weggepackt." Dass er nicht alles angenommen hat, betrachtet Kurtulus als Investition in seine Zukunft. Fehlte ihm das Vertrauen, hätte er es auch abgelehnt, "Gegen die Wand" mitzuproduzieren. Schließlich hatte er bis jetzt immer nur vor der Kamera gestanden. "Fatih und ich wussten, dass dieser Film ein großes Risiko ist. Aber wir haben an den Film geglaubt", erklärt Kurtulus. Zu Recht. Der Streifen gewann den Europäischen Filmpreis und den Goldenen Bären.
Was nach den sechs Tatorten kommt, weiß Kurtulus noch nicht. "Ich arbeite einfach daran, meinen Traum zu leben, statt mein Leben zu träumen." Etwas Gutes wird schon passieren – etwas ähnlich Gutes wie sein Name auf einem Banner über dem Kino in Salzgitter.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum








