ARD-Programmchef denkt nicht an Rücktritt: Leistungsprämien für Jan Ullrich waren "Schnapsidee"
zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 - 11:49München (rpo). Die geheimen Interview- und Showverträge mit Radprofi Jan Ullrich waren eine "Schnapsidee" - das gestand ARD-Programmdirektor Günter Struve jetzt ein. Nach seinen Aussagen hat er den Vertrag mit Ullrich über die Sonderprämien nicht mal gelesen. An Rücktritt denke er aber nicht.
Schon 1999 habe die ARD über eine Werbetochter einen Vertrag mit Ullrich abgeschlossen, der dem Sender Exklusiv-Interviews und Showauftritte des Radsportstars garantiert habe, so Struve. Ullrich soll nach Medienberichten als Gegenleistung eine sechsstellige Summe erhalten haben. 2003 sei eine neue Vereinbarung mit leistungsbezogener Bezahlung ausgehandelt worden. Die Garantiesumme habe dafür um 35.000 Euro niedriger gelegen als im ersten Vertrag. Nach der neuen Doping-Affäre habe der Sender den Vertrag jetzt gekündigt.
An einen Rücktritt als ARD-Programmdirektor denkt Struve nach eigenen Angaben nicht: "Ich habe einen Vertrag, den werde ich auch erfüllen." Die Intendanten der ARD-Anstalten müssten die Vorgänge bewerten. Wenn sie zu der Auffassung kommen sollten, "dass das zu schwer wiegt, hätte ich dies zu akzeptieren", sagte Struve.
"Boßdorf hat keine Verantwortung"
Der ARD-Programmdirektor nahm gleichzeitig Sportkoordinator Hagen Boßdorf in Schutz, der den Vertrag 2003 mit ausgehandelt hat. "Die Verantwortung hat nicht Herr Boßdorf, die habe ich", betonte Struve. Boßdorf stehe nicht zur Disposition.
WDR-Intendant Fritz Pleitgen hatte zuvor beide Verträge mit Ullrich als Fehler bezeichnet. "Und dafür sind wir Intendanten am Ende verantwortlich. Das können wir nicht irgendeinem Mitarbeiter zuschieben", sagte Pleitgen. Mit den Zahlungen sei eine bedenkliche Nähe zwischen Sender und Radsport-Star hergestellt worden. "Man sollte so etwas nicht machen." Die ARD habe aber trotz der Vereinbarung kritisch über Ullrich und die ersten Doping-Gerüchte berichtet. Die ARD-Intendanten würden den Fall in ihrer nächsten Sitzung diskutieren. "Vor allen Dingen müssen wir überprüfen, dass in Zukunft derartige Dinge nicht wieder geschehen", sagte Pleitgen.
Die Deutsche Journalisten-Union in ver.di bezeichnete die Ullrich-Verträge als Gefahr für die Unabhängigkeit der Berichterstattung. Wenn Berichterstatter und ihr Gegenüber zu Geschäftspartnern würden, werde journalistischer Objektivität und Qualität die Basis entzogen.
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