Vorabvorführung: Viel Lob und wenig Kritik: Lengede light: Wahrheit würde Publikum nicht vertragen
zuletzt aktualisiert: 07.11.2003 - 16:22Marl (rpo). Wohl selten ist eine deutsche TV-Produktion im Vorfeld mit so viel Lob überschüttet worden wie "Das Wunder von Lengede". Bei einer Vorführung im Adolf-Grimme-Institut in Marl gab es viel Zustimmung und wenig Kritik.
Vier Tage vor dem Sendetermin am 9. November spendeten die 250 Besucher am Mittwochabend in Marl langen Beifall, nachdem das Medieninstitut die aufwendig verfilmte Geschichte der Rettung von elf verschütteten Bergleuten im niedersächsischen Lengede vor 40 Jahren gezeigt hatte.
Grimme-Preis-Referent Ulrich Spies, vom Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" vor einigen Jahren "Gedächtnis des deutschen Fernsehens" getauft, bezeichnete den Film als "einen der TV-Höhepunkte des Jahres". Er habe gute Chancen, bei der Nominierung im nächsten Jahr berücksichtigt zu werden. Zeitzeuge Alfons Herbst lobte die "tolle Leistung der Darsteller" Heino Ferch und Heike Makatsch.
Manche Szenen "Gott sei Dank" weggelassen
"Da unten sind Sachen passiert, die keiner mehr beschreiben kann", sagte Alfons Herbst nach der Vorabvorführung der bisher teuersten SAT.1-Produktion "Das Wunder von Lengede" (9.11.) im Marler Adolf Grimme Institut. "Die Macher des Films haben manche Szenen, Gott sei Dank, weggelassen."
Als einer der elf totgeglaubten und 14 Tage verschütteten Bergleute hat der Monteur im Schacht Mathilde hautnah miterlebt, was Produzent Michael Souvignier und Regisseur Kaspar Heidelbach anlässlich des 40. Jahrestages der spektakulärsten Rettungsaktion im weltweiten Bergbau als Fernsehzweiteiler rekonstruieren wollten. "Plötzlich hat der Berg gerappelt. Mir taten meine Ohren weh. Und irgendwer schrie: Wassereinbruch!", erinnert sich der heute 60- Jährige.
Nur aus Zufall unter Tage
Die Szenen, die Herbst meint, würden vom Leid der 29 Bergleute erzählen, die den Einbruch von 500.000 Kubikmetern Wasser und Schlamm am 24. Oktober 1963 nicht überlebt haben. Von ihrer Todesangst und ihrer Verzweiflung. "Selbst die Kumpel, die mit der Kirche nichts mehr am Hut hatten, haben wieder angefangen zu beten", sagt Herbst, der nur aus Zufall unter Tage war, weil er eine Doppelschicht eingelegt hatte, um pünktlich zu seiner Verlobung erscheinen zu können.
Hauptdarstellerin Nadja Uhl war in das Marler Medieninstitut gekommen, um mit Experten und dem Laienpublikum über den Film zu diskutieren und erntete viel Lob neben wenig Kritik. Auf die Frage von Produzent Souvignier, wem der Film gefallen habe, hoben fast alle 250 Besucher die Hand.
Auf die nächste Frage, ob sich der finanzielle Aufwand gelohnt habe, bemerkte SAT.1-Redakteur Tim Gehrke: "Das Wunder von Lengede ist ein tragender Mythos für Deutschland, und Mythen haben zurzeit Konjunktur, wie "Das Wunder von Bern" gezeigt hat."
Lediglich einige Bergleute bemängelten nach der Vorführung die stellenweise oberflächliche Darstellung der Bergmannsarbeit. "Da ging es doch nur um Gefühle, mit der Realität hat das nichts zu tun", sagte ein Grubenwehrmann von der Gelsenkirchener Zeche Lippe. Zeitzeuge Alfons Herbst ist das Recht: "Es ist gut, dass der Film seine eigene Geschichte erzählt - die Wahrheit könnte das Publikum doch sowieso nicht vertragen."
Die Produktionsfirma "Zeitsprung" bestätigte Pläne, nach denen der Film bald auch in internationalen Kinos gezeigt werden soll. "Wir planen eine Kinofassung von 120 Minuten, die auch im Ausland zu sehen sein wird", sagte Produzent Michael Souvignier zu der mit sieben Millionen Euro Kosten bisher teuersten SAT.1-Produktion.
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