Meister der Selbstironie: Loriot wird 80: "Lachen ohne Anlass ist pure Dämlichkeit"
zuletzt aktualisiert: 12.11.2003 - 06:51München (rpo). So genannte Comedy gibt es zuhauf im deutschen Fernsehen. Sucht man nach intelligenter Unterhaltung, wird es schon schwieriger. Unbestrittener Grandseigneur auf diesem Gebiet ist Loriot, der am Mittwoch seinen 80. Geburtstag feiert. Schon vor Jahren wusste er von seinem berühmt gewordenen Gründerzeitsofa aus zu verkünden: "Lachen ohne Anlass ist pure Dämlichkeit."
Er schuf den vielleicht populärsten Rentner und Lottogewinner der Fernsehgeschichte: Erwin Lindemann, der mit dem Papst und seiner Tochter auf Island eine Herrenboutique aufmachen wollte. Auch den knollennasigen Müller-Lüdenscheid in der Badewanne verdankt das Publikum Viktor (Vicco) von Bülow alias Loriot.
"Je älter wir werden, desto neugieriger betrachten wir unsere Vergangenheit, desto verwunderter vergleichen wir Zeiten und Räume." Mit diesem Satz würdigte Vicco von Bülow alias Loriot 1984 den 80. Geburtstag seines früheren Kunstlehrers Willem Grimm. Zu seinem eigenen 80. am 12. November hält sich der eher scheue Lieblingshumorist der Deutschen allerdings bedeckt. Immerhin verriet er kürzlich in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung": "Altern ist schon eine Zumutung."
"Kosakenzipfel" zum Geburtstag
Die ARD feiert seinen Geburtstag mit einem Tag Verspätung mit einer von Loriot konzipierten und realisierten 90-Minuten-Show, in der nach langer Zeit Neues aus der Feder des Meisters und auch Überraschendes aus seinem Privatleben gezeigt werden soll. Sie führt den Perfektionisten mit alten Weggefährten wie Evelyn Hamann, Edgar Hoppe, Rudolf Kowalski und Heinz Meier zusammen.
Ein süßes Geschenk zum Fest hat es bereits gegeben. Konditoren kreierten mit Hilfe Loriots den aus einem legendären TV-Sketch bekannten "Kosakenzipfel". Die Süßspeise besteht aus dunklem Mokkaschaum und einem Zitronencreme-Bällchen. In dem Sketch wollen sich zwei Ehepaare den letzten im Restaurant verfügbaren Kosakenzipfel teilen und trennen sich im heftigen Streit darüber, wo genau die Hälfte war.
Liebesstammelnd mit Nudel im Mundwinkel
Im Gegensatz zu seinen Figuren - ob liebesstammelnd mit Nudel im Mundwinkel oder streitend in der Badewanne - legt der Sohn eines preußischen Berufsoffiziers großen Wert auf gute Umgangsformen. "Die haben den Sinn, ein friedliches Miteinander zu ermöglichen", sagt der seit über 45 Jahren in Ammerland am Starnberger See lebende Wahlbayer aus Brandenburg an der Havel.
"Ohne ein Minimum an Stil gerät man sich schnell in die Haare. Gutes Benehmen ist eine Schutzmaßnahme, um sich nicht dauernd gegenseitig auf den Schlips zu treten."
Ein nicht geringes Maß seiner Figuren stecke auch in ihm selber. "Ich zeige ja allzu menschliche Dinge, die wirklich jedem passieren und einen großen Wiedererkennungswert haben", meint Loriot. Distanz und eine gute Beobachtungsgabe seien dafür unerlässlich. "Darüber hinaus muss man wach bleiben, nichts als selbstverständlich hinnehmen und sich über alles wundern."
"Wunderbare Zusammenarbeit"
Auch seine Ehefrau Rose-Marie, mit der er seit 1951 verheiratet ist und zwei Töchter hat, habe ihm zu vielen Anregungen verholfen. Überhaupt schätze er Frauen sehr, weil sie häufig viel klüger seien und logischer denken. "Ich habe immer gerne mit Frauen zusammengearbeitet." Eine von ihnen - seine langjährige Partnerin Evelyn Hamann - denkt noch heute gerne an die "wunderbare Zusammenarbeit".
Eigentlich wollte der Spross einer alten preußischen Adelsfamilie ein "großer Maler" werden. Aber dazu gehöre so viel, da habe er sich lieber auf die Kunst der humoristischen Darstellung beschränkt. Großen Erfolg hatte Loriot auch mit Operninszenierungen und den Filmen "Ödipussi" und "Pappa ante portas". Seine Kurzfassung von Richard Wagners "Ring des Nibelungen" an einem Abend begeistert die Zuschauer immer wieder.
Anfang als Gebrauchsgrafiker
Produktiv wie kaum ein anderer zeigte Loriot sein einzigartiges Können als Zeichner, Texter, Schauspieler, Autor, Bühnenbildner, Dirigent, Fernseh-, Kino- und Opernregisseur. Auch wenn er meint, es sei ihm "in 80 Jahren nicht gelungen, mich dauerhaft einer Tätigkeit zu verschreiben, die man allgemein hin als Beruf bezeichnet".
Angefangen hat Vicco von Bülow seine Karriere nach Notabitur und Kriegsdienst als Gebrauchsgrafiker, bevor er von 1950 an in Zeitschriften Karikaturen veröffentlichte. Dabei nutzte er das Pseudonym Loriot - die französische Bezeichnung für den Wappenvogel der Bülows, den Pirol.
Inzwischen haben seine Cartoons nicht nur museale Weihen erhalten, sondern auch eine millionenfache Auflage erreicht. Selbst Skatspieler reizen mit Loriot-Karten in der Hand. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen zählen der Ehrenpreis der Goldenen Kamera, der Karl-Valentin-Orden, das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik und die Ehrenbürgerschaft von Münsing und Brandenburg. Seit dem Sommer ist er auch Honorarprofessor in Berlin.
"Wie Bayreuth ohne Wagner"
Die Bayerische Akademie der Schönen Künste ehrt ihr Mitglied mit einer Ausstellung, und die Komödie im Bayerischen Hof in München spielt "Loriots dramatische Werke". Auch sein Verleger Daniel Keel wollte da nicht abseits stehen und widmete dem "Meister der Selbstironie", wie es Walter Jens formulierte, die Festschrift "Loriot und die Künste", wohl wissend, dass der so Geehrte dies nicht gewollt hätte.
"Was wäre Deutschland ohne Loriot?", fragt der Chef des Diogenes Verlags im Geleit und gibt selbst die Antwort: "Es wäre wie Bayreuth ohne Wagner." Vicco von Bülow sieht es dagegen viel simpler: "Ich habe einfach immer nur getan, was mir Spaß gemacht hat."
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