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Doku "3096 Tage Gefangenschaft": Natascha Kampusch erzählt über ihr Martyrium

VON JELENA PFLOCKSCH, DDP - zuletzt aktualisiert: 25.01.2010 - 17:37

Hamburg (RPO). Über acht Jahre wurde Natascha Kampusch in einem Verlies im österreichischen Strasshof bei Wien gefangen gehalten. Jetzt gewährt die heute 21-Jährige in der NDR-Dokumentation "Natascha Kampusch - 3096 Tage Gefangenschaft" Einblicke in das Leben im Keller und mit dem Entführer Wolfgang Priklopil. Das Erste zeigt den Film am Montag um 21.00 Uhr.

"Wir haben lange überlegt, ob wir das machen und wie wir das machen", sagt NDR-Redakteurin Patricia Schlesinger. Kampusch selbst entschied sich zwei Jahre nach der ersten Kontaktaufnahme, an dem Film mitzuwirken. "Man sieht die Dinge in meinem Heimatland ganz anders, ich wollte das von einer anderen Seite betrachtet sehen", begründet Kampusch die Zusammenarbeit mit dem Sender. Der ehemalige Hamburger Polizist und Autor der Dokumentation, Peter Reichard, wollte den Film "so seriös wie möglich" und "so nah wie möglich an der Realität" machen.

Chronologisch rekonstruiert die Dokumentation die Entführung Kampuschs am 2. März 1998 bis zu ihrer Selbstbefreiung am 23. August 2006. Die Erlebnisse werden anhand von teils verschwommenen und verwackelten Aufnahmen aus der Perspektive des Opfers dargestellt. Zudem erzählt Kampusch selbst von dem Erlebten. Auch ihre Mutter Brigitta Sirny und der als engster Freund des Entführers geltende Ernst Holzapfel kommen zu Wort. Ergänzt wird der Film durch Bilder der Fahndung nach dem entführten Mädchen.

Beeindruckend ist abermals die Selbstsicherheit und Gewandtheit, mit der Natascha Kampusch im Film über das Erlebte spricht. "Für das Fehlgeleitetsein kann der Mensch nichts", versucht Kampusch die unfassbare Tat zu erklären. "Er wurde so aufgrund einer Kränkung." Dennoch ist ihr die Anstrengung, sich auch an die Demütigungen und Misshandlungen erinnern zu müssen, deutlich anzumerken. So erzählt sie mit zitternder Stimme vom Putzzwang ihres Peinigers, dass sie keine Haare und Fingerabdrücke hinterlassen durfte, dass er sie misshandelt und geschlagen hat.

"Das war filmisch ein sehr undankbares Thema", sagt Regisseurin Alina Teodorescu. So habe die Gefahr bestanden, dass die Dokumentation verharmlosend oder banal wirken könnte. Und obwohl die Bildsprache sehr eindringlich ist und eine beklemmende Atmosphäre herzustellen vermag, wird das Unglaubliche doch erst durch Kampuschs eigene Erzählungen ein bisschen greifbarer. "Er hat mir das Weinen verboten", erzählt die 21-Jährige. Der Entführer habe Angst gehabt, dass die Salzsäure der Tränen die Fliesen angreifen könnte.

Weiter berichtet Kampusch von Nahrungsentzug, wie der Entführer sie als Arbeitstier benutzte und sie immer wieder "runtergemacht" habe. "Man denkt sich schon, wieso nicht der Qual ein Ende bereiten", sagt sie im Film. Doch sei es gerade "diese himmelschreiende Ungerechtigkeit" gewesen, wegen der sie sich nie habe unterkriegen lassen. "Es war der Kampfgeist, der mich am Leben erhalten hat", sagt sie. Und: "Ich habe ihn gehasst, dass er mich so quälte, aber ich habe ihm das in derselben Sekunde noch verziehen, sonst hätte ich das nicht ausgehalten und wäre auch physisch zugrunde gegangen."

Der Freiheitsentzug des Mädchens wird besonders deutlich, wenn sie erzählt, wie sie manchmal nachts in den Garten durfte. "Ich war froh, den Wind zu spüren und habe mich so gefreut, die Hecke und die Bäume zu berühren." So habe sie als "Andenken" ein paar Blätter von der Hecke mit ins Verlies nehmen dürfen. Die Einsamkeit habe sie sich mit Büchern und Radiohören vertrieben. "Das Radio war meine Ersatzfamilie", sagt Kampusch rückblickend.

Der Film endet mit Kampuschs Flucht vor dreieinhalb Jahren und deutet kurz den darauffolgenden Medienrummel an. Eine zweite Dokumentation soll möglicherweise folgen. Auch Kampusch selbst will sich weiter mit dem Erlebten auseinandersetzen. So besitzt sie inzwischen das Haus ihres Entführers und war auch wieder in dem Verlies. "Das ist, als würden Sie in Ihr Jugendzimmer zurückkommen", sagt sie. Mit zunehmendem Abstand finde sie es jedoch auch "schockierend". Auch mit Priklopils Mutter will Kampusch sich treffen.

Vor allem aber will Natascha Kampusch als normaler Mensch gesehen werden. "Es ist sehr schwer, echte Freunde zu finden." Denn, so sagt sie zu Beginn des Films: "Ich bin für mein Leben geächtet." So werde ihr nie oder selten jemand wertfrei begegnen können. Dabei wünsche sie sich einen natürlicheren Umgang mit ihrer Person. "Ich habe auch eine Chance verdient."

Quelle: DDP

 
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