Stasi-Vergangenheit: NDR verlangt Informationen über Boßdorf
zuletzt aktualisiert: 05.12.2005 - 15:53Hamburg (rpo). Im Streit um die Stasi-Vergangenheit des ARD-Sportkoordinators Hagen Boßdorf wirft der NDR jetzt der Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen vor, nicht den Sender ausreichend informiert zu haben, sondern ausgewählte Journalisten. Die Behörde weist die Beschwerden zurück.
NDR-Sprecher Martin Gartzke zufolge erhielt sein Sender von der Behörde ein Dossier mit 36 Seiten, davon sieben Seiten Anschreiben, zwölf Seiten, die sich auf die bekannte Tätigkeit Boßdorfs im Wachregiment "Feliks Dzierzynski" beziehen sowie 17 Seiten, die weitere bekannte Vorwürfe enthielten. Mehreren Zeitungen liege aber offenbar ein 80-seitiges Dossier vor, dass eine Reihe von Details umfasse, die in den NDR-Unterlagen fehlten.
Insbesondere vermisst der Sender einen in der Presse erwähnten Entwurf einer Stasi-Verpflichtungserklärung und Hinweise, dass Boßdorf als Werber aufgebaut werden sollte. Der NDR zeigte sich "erstaunt über die Diskrepanz" und stellte sogleich einen Antrag auf Aushändigung der vollständigen Unterlagen.
Behörden-Sprecher Christian Booß sagte jedoch, es sei nicht zutreffend, dass seine Behörde dem Sender wesentliche Unterlagen vorenthalte. Es sei auch falsch, dass die Birthler-Behörde nur Akten übermittelte, die 2002 schon bekannt gewesen seien. Vielmehr enthalte das Dossier "mehrere Hinweise auf eine Inoffizielle Tätigkeit" Boßdorfs als IM "Florian Werfer" für den Spionagebereich des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Leipzig.
Journalisten erhalten laut Booß nach Medienanträgen Akteneinsicht, während bei einer Mitarbeiterüberprüfung der Sachverhalt "im Wesentlichen durch exemplarische Unterlagen dargestellt" werde. Booß zufolge stellten einige Journalisten bereits vor Monaten Anträge auf Akteneinsicht etwa zum Thema Sport und Stasi. Sobald neue Details auftauchten, würden die Antragsteller darüber informiert.
Booß zufolge stammen die jüngsten Unterlagen über Boßdorf "aus einem Sack in unserem Leipziger Archiv". Eine offizielle Stasi-Akte gebe es nicht. Es sei aber "nicht ausgeschlossen, dass wir noch mehr finden", sagte Booß.
Der NDR betonte, sämtliche Anfragen aus den Aufsichtsgremien und der Politik zum bevorstehenden Vertragsschluss mit Boßdorf als neuem NDR-Sportchef hätten sich darauf konzentriert, ob der Journalist nachweislich als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) tätig gewesen sei. "Dieser Nachweis lässt sich aus den Unterlagen, die dem NDR vorliegen, nicht führen". Auf dieser Grundlage sei aber die Entscheidung für einen Vertragsschluss mit Boßdorf gefallen. "Sollten sich jetzt neue Sachverhalte ergeben, wird der NDR diese prüfen, soweit sie für das künftige Arbeitsverhältnis relevant sein sollten", sagte Gartzke.
(Quellen: Gartzke in Erklärung; Booß auf ddp-Anfrage und im "Tagesspiegel")
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