"Trainingscamp für Jungprofis" wechselt ins Erste: "Nightwash": Deutschlands ungewöhnlichste Comedy-Show
zuletzt aktualisiert: 05.06.2003 - 06:47Köln (rpo). Comedy-Shows gibt es viele in Deutschland. Was die WDR-Sendung "Nightwash" von allen anderen unterscheidet, ist die ungewöhnliche Location: Sie kommt aus einem Waschsalon mitten in der Kölner Innenstadt. Jetzt wurde die Sendung geadelt, sie wechselt vom Dritten ins Hauptprogramm der ARD.
"Typisch für Deutschland ist es doch, die Natur in ein Gesetz zu verwandeln. Kennt Ihr diese 'Achtung: Nebel'- Schilder? Was soll das? Entweder es ist nebelig oder ich kann das Schild sehen!" Der junge Mann auf der kleinen Bühne schnauft und gestikuliert wild, das Publikum jubelt. Es ist heiß, die Scheiben sind beschlagen, der soeben gehörte Comedian, Kai Magnus Sting (25), schwitzt. Schauplatz ist ein Waschsalon in der Kölner Innenstadt, mitten in einer Live-Aufzeichnung der Comedy-Show "Nightwash", die seit August 2001 im WDR-Fernsehen zu sehen ist. Vom 28. Oktober an läuft die Show um Mitternacht in der ARD.
So wie Kai Magnus Sting hätten viele Comedians und Kleinkünstler von hier aus den Sprung ins professionelle Showgeschäft geschafft, sagt Klaus-Jürgen ("Knacki") Deuser. "Wir sind ein Trainingscamp für Jungprofis". Der 38-jährige "Nightwash"-Moderator hat die Comedy-Show 2000 ins Leben gerufen. Hier können aufstrebende Nachwuchskünstler neue Nummern ausprobieren. "Wir wollen dem fortgeschrittenen Nachwuchs eine Lobby geben, und die Möglichkeit, besser zu werden."
Es geht ihm darum, Comedy an jüngere Leute heranzuführen. Dazu dient das lockere Ambiente in dem Waschsalon. Die Zuschauer sind 20 bis 30 Jahre alt, vor allem Kölner Studenten. Sie sitzen etwas gequetscht auf schmalen Holzbänken oder drängeln sich am Eingang. Ein unkonventionelles Flair erhält das Ganze durch mitgebrachtes Bier und Essen.
Ein weiteres Merkmal der Show sind die stark beschlagenen Scheiben: Da die Waschmaschinen und Trockner zum Teil sogar noch während der Aufzeichnungen in Betrieb sind, geraten Publikum und Künstler ins Schwitzen. "Die Sendung ist einfach total schrill", meint Holger Müller alias Ausbilder Schmidt. Der 34-Jährige Kölner ist ebenso wie etwa die Komiker Mario Barth, Hennes Bender oder Konrad Stöckel durch die Show bekannt geworden. "Nightwash ist ein absolutes Sprungbrett für Nachwuchskünstler. Für mich persönlich war es der Schritt ins professionelle Geschäft."
Pro Aufzeichnung treten fünf bis acht Komiker aus ganz Deutschland mit einem Stand-Up-Programm auf. Die Witze sind dem Alltag und dem eigenen Leben der Künstler entnommen, so wie etwa die Erfahrungen der Komödiantin Ramona Schukraft (31) mit typisch Kölner Verhalten: "Kölner lassen keinen allein", erzählt sie und berichtet von der rheinischen Natur, die sich in alles - vom Spargel- bis zum Hoseneinkauf - einmische. Comedian John Doyle, in Deutschland lebender US-Amerikaner, schildert seine sadomasochistischen Erlebnisse beim Zahnarzt oder witzelt über George W. Bush.
Die Live-Show sei eine Probe für den Ernstfall, meint Moderator Deuser. "Bei uns stehst du mitten unter den Leuten. Du kriegst jede Reaktion des Publikums mit." Daher sei Spontaneität und Improvisationstalent von den Comedians gefragt. Ein ausgewählter Kreis des Publikums sitzt auf dem VIP-Tisch, der im Kölner Dialekt "Wischtisch" (wichtig) genannt wird. Wer hier sitzt, muss damit rechnen, in die Scherze der Künstler integriert zu werden: Die Comedians bewerfen die VIP-Zuschauer mit Konfetti, türkischen Geldscheinen, oder halten ihnen spontan das Mikrofon vor den Mund.
Aber nicht nur die Einbeziehung der Zuschauer, sondern auch der Leute, die draußen auf der Straße vorbeigehen, ist ein Merkmal der Sendung. Den damit verbundenen Reality-Charakter will Deuser noch stärker hervorheben. Sich selbst sehe er in der Show als Coach, der den Nachwuchskünstlern bei Bedarf Ratschläge gebe. "Uns fehlt hier in Deutschland die Möglichkeit, das Comedy-Handwerk zu erlernen." Einige der Künstler haben eine Schauspielausbildung oder ein "Lachdiplom" der Köln Comedy Schule. Viele haben ihr Talent aber parallel zu einem anderen Beruf selbst geschult.
Die Sendung sei mittlerweile mehr als nur eine Nischenshow. Deuser: "Nightwash ist ein bisschen wie Unkraut: Man kriegt uns nicht mehr so ganz weg."
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