WDR sendet aus dem ehemaligen Kanzlerbungalow: Politshow aus Kohls Esszimmer
zuletzt aktualisiert: 07.05.2003 - 07:49Das Ensemble aus Plastik-Orchideen im Esszimmer wirkt so, als wäre es einem "Schöner Wohnen"-Heft der 70er Jahre entnommen. Die bunt gemusterten Teppiche, die Stehlampe und das breite graue Plüschsofa vor der Terrassentür wollen nicht so recht zu dem funktionalen Deckenleuchten-Gebilde und der weißen Regalwand passen, die auch der "Billy"-Kollektion eines schwedischen Möbelhauses entsprungen sein könnte.
Ein wenig muffig riecht er, der "Atem der Geschichte", der doch eigentlich durch jedes Zimmer dieses insgesamt 615 Quadratmeter großen Hauses wehen sollte. Vier Bundeskanzler haben hier gewohnt. Nur Willy Brandt verweigerte den Einzug, veranstaltete aber denkwürdige Feste. Jetzt steht Steffen Hallaschka im Innenhof des Flachdach-Gebäudes an der Adenauerallee 139-141 und blickt ins leere Becken des winzigen Swimming-Pools, den Ludwig Erhard einst anlegen ließ und dessen Farbe mittlerweile an mehreren Ecken abblättert. "Wir sollten Wasser reinfüllen", sagt er, "vielleicht kann ich ja eine Sequenz schwimmend sprechen."
Das Wort "moderieren" vermeidet der 31-Jährige. Er versteht sich als "Host" (Gastgeber), als kommentierender Vermittler, der künftig immer donnerstags zusammen mit "Mitbewohnern" und Außenreportern für den WDR das politische Geschehen der Woche zusammenfassen will - frech, engagiert und satirisch. So ungewöhnlich wie das Konzept ist auch der Schauplatz der neuen Live-Sendung: der ehemalige Kanzlerbungalow in Bonn.
45 Minuten lang wollen Hallaschka und seine Kollegen Politik aus einer Art Wohnzimmeratmosphäre heraus kommentieren, immer ab 23 Uhr. So als hätte man abends ein paar Freunde eingeladen, mit denen man über all das redet, was in der Woche oder am Tag los war", sagt Redaktionsleiter Udo Grätz. Und WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn unterstreicht: "Es gibt keinen starren Ablauf. Unsere Außenreporter können sich jederzeit in die Sendung einmischen."
Auch dieses Team ist skurril zusammengestellt und reicht von den WDR-Moderatoren Matthias Bongard (42) und Peter Großmann (40, "Sport im Westen") über die 20-jährige Studentin Charlotte Maihoff bis hin zu Liedermacher Bernd Begemann (40). "Jeder soll seine eigene Sichtweise einbringen. Wir werden nichts vorgeben", betont Grätz. SPD-Parteitag oder Love-Parade - im "Kanzlerbungalow" ist Platz für alles.
Bis Jahresende hat der WDR vom Bund das geschichts trächtige Gebäude gemietet, das der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich ist und dessen Inventar zum Teil wirklich noch aus den 60er Jahren stammt. "Bungalow"-Gastgeber Hallaschka, der seit mehr als zehn Jahren als Moderator arbeitet ("Pro 7-Morningshow", "Polylux"), war "seltsam zumute", als er das Haus zum ersten Mal betrat: "Sich vorzustellen, dass in einem dieser Betten Helmut Kohl geschlafen hat und Ludwig Erhard auf dem Sofa im Wohnzimmer seine Zigarren schmauchte . . ., ich hätte nie gedacht, dass wir von hier aus eine Sendung machen dürfen."
Nicht zuletzt deshalb will er in seinem neuen TV-Experiment zwischendurch immer mal wieder auf Entdeckungsreise durchs Haus gehen. Wenn der Zuschauer wissen möchte, wie die Sauna aussieht, die Helmut Schmidt einbauen ließ oder die Terrasse, auf der Willy Brandt seine Gäste bewirtete - kein Problem.
Dabei ist der eigentliche Hausherr des Kanzlerbungalows immer noch Bundeskanzler Gerhard Schröder. "Er hat zu jeder Tages- und Nachtzeit das Recht, mit seinem Hubschrauber auf dem Gelände zu landen", erzählt Steffen Hallaschka. "Und wenn wir dann gerade vor Ort sein sollten, würde ich ihn natürlich zu mir einladen."
PETER KORN
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