Reich-Ranicki talkt mit Gottschalk: Publikumsbeschimpfung im Schlau-TV
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 18.10.2008 - 00:20Düsseldorf (RPO). Freitag Abend, endlich ist es soweit: Nach seiner Wutrede beim Deutschen Fernsehpreis bekommt der inzwischen 88-jährige Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki sein Podium. Eine halbe Stunde lang darf er mit Thomas Gottschalk über das Niveau im deutschen Fernsehen debattieren. Es kommt wenig bis nichts dabei rum. Fest steht bloß: An der ganzen TV-Misere ist das Publikum schuld.
22.30 Uhr, Freitagabend im ZDF. Nach dem heute-journal kommt das Sequel zum Fernsehpreis-Eklat. Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk sitzen sich auf zwei tiefen Ledersesseln im gediegen möblierten „Salon Ferdinand Heyl“ des Wiesbadener Kurhauses gegenüber. Die Atmosphäre ist sachlich, Reich-Ranicki wirkt wie immer genervt, Gottschalk ist hoch konzentriert.
Ohne Vorgeplänkel gehen die beiden ins Thema: Reich-Ranicki stellt klar, dass er nichts von seiner Kritik zurücknimmt. Das Geschehen bei der Fernseh-Gala und damit der Großteil des deutschen Fernsehprogramms – alles Blödsinn, basta. Seine ersten Sätze sind ein Schimpf-Stakkato: Abscheulich, scheußlich, würdelos, beleidigt, schlecht, übel, lautet eine Auswahl des Ranicki-Vokabulars. Das Schlimmste aber seien Clowns wie Helge Schneider. Gottschalk weist darauf hin, dass der bei der Gala gar nicht dabei war. Egal.
Unterhaltsam war das nicht
Gottschalk gibt vor, Ranicki wedelt mit dem Zeigefinger und redet, was ihm so einfällt. Das Mantra des 88-Jährigen: Das Fernsehen muss mehr Mut zur Qualität aufbringen, die Programmdirektoren müssten sich auch mal etwas trauen. Gottschalk hält vor allem zwei Argumente dagegen: Erstens gebe es bei den Öffentlich-Rechtlichen durchaus niveauvolle Sendungen wie etwa politische Beiträge, Dokumentationen, Kulturmagazine. Zweitens könne man nicht Fernsehen für das Feuilleton machen, das aber den Zuschauer nicht erreicht.
Um diese beiden Punkte dreht sich in immer neuen Schleifen der Rest der gesamten Diskussion, inklusive Ermüdungseffekte. Reich-Ranicki wedelt unablässig mit dem Zeigefinger, hält dabei allen Argumenten ein kategorisches „Trotzdem“ entgegen. Sicher, im Fernsehen müsse es Unterhaltung und Spaß geben, räumt er ein. Un d fordert daraufhin, Shakespeare und Brecht-Klassiker im Hauptprogramm zu zeigen. Nun wird auch dem Letzten klar, dass Reich-Ranicki in Mann von einem anderen Planeten ist, irgendwo zu finden im Feuilleton-Universum nahe dem Zeitgeist der 50er. Bestes Indiz dafür, wie Ranicki an der Moderne scheitert ist sein immer wieder zu hörender Ausruf: „Ich verstehe das nicht“.
So ehrlich war Fernsehen noch nie
So dreht sich das Gespräch ziellos im Kreis, streift mal die Arroganz der Intellektuellen, mal die Verachtung Ranickis für die Fernseh-Schaffenden, mal den Quotendruck. Bemerkenswerterweise gibt es auch erhellende Momente. Zum Beispiel, wenn es um das Fernsehen für „primitive Menschen“ (Ranicki) geht.
Gottschalk spielt in diesem Kontext eine Wetten dass…? Sendung durch. Er stellt die Frage, was passieren würde, wenn er drei Minuten lang nur kluge Dinge im Sinne Reich-Ranickis sagen würde. Seine Antwort unter Berufung auf Marktstudien: Die Zuschauer gehen, wenn es vernünftig wird, sie bleiben, wenn es furchtbar ist. Da capo, Herr Gottschalk. So ehrlich ist Fernsehen sonst nie. Im Grunde genommen schlagen Ranicki und Gottschalk so 30 Minuten lang auf das Fernsehpublikum ein, das ja doch nur Blödes sehen will.
Was von dem halbstündigen Gespräch bleibt? Schall und Rauch. Es bot weder Unterhaltung, noch einen Neuwert an Informationen. Stattdessen kreiste die Show lediglich um die Show zweier Selbstdarsteller. Insofern war das an diesem Freitag Abend mal wieder vor allem eins: klassisches Fernsehen.
3,5 Millionen Zuschauer sahen Gottschalk und Reich-Ranicki
3,51 Millionen Zuschauer haben das Gespräch zwischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und Moderator Thomas Gottschalk am Freitagabend im ZDF verfolgt. Der Marktanteil habe bei 14,4 Prozent gelegen, teilte das ZDF am Samstag auf Anfrage in Mainz mit. Gottschalk hatte das Streitgespräch vorgeschlagen, nachdem Reich-Ranicki bei der Aufzeichnung der Gala zum Deutschen Fernsehpreis am vergangenen Samstag den Ehrenpreis für sein Lebenswerk ausgeschlagen und heftige Kritik an der Qualität des Fernsehens geäußert hatte.
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