Eurovision Song Contest: Raabs Rezept für den Grand Prix
VON JÖRG ISRINGHAUS - zuletzt aktualisiert: 22.01.2010 - 07:30Berlin (RP). "Unser Star für Oslo" heißt die Casting-Show, von der sich Stefan Raab einen deutschen Erfolg beim Eurovision Song Contest verspricht. Zu verlieren hat er kaum etwas – zu schlecht ist die deutsche Bilanz der vergangenen Jahre.
Stefan Raab ist einfach nicht zu schlagen. Er will, verkündete er jetzt, alles dafür tun, dass Deutschland auf den vorderen Plätzen des Eurovision Song Contest landet. Ein ehrgeiziges Ziel, aber Ehrgeiz gehört genauso zu Raab wie ein schlabberiges Hemd über der Hose. "Unser Star für Oslo" heißt die vom Privatsender ProSieben und der ARD produzierte Casting-Show, in der ab 2. Februar in acht Folgen ein deutscher Teilnehmer für das Finale des Schlagerfestivals am 29. Mai gefunden werden soll. Die Form des Vorentscheids ist genauso ein Novum wie die Kooperation, erste Einspielfilme in Raabs Show "TV Total" wirken jedoch seltsam vertraut – Amateure verstümmeln Hits, mal mehr, mal weniger amüsant. Also alles nur geklaut?
Natürlich nicht. Der 43-Jährige versicherte jetzt, er sei bei der Auswahl der Musiker vor allem an Nachhaltigkeit interessiert – und damit eine klare Alternative zu Casting-Shows wie "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS). "Ich suche einen Künstler, der musikalisch richtig was draufhat", sagte Raab der Zeitung "TV Movie". "Ich möchte, dass am Ende keine Superpfeife rauskommt, keine Tussis und erst recht keine geklonten Popstars wie im vergangenen Jahr." Letzteres bezieht sich auf die deutschen Song-Contest-Teilnehmer 2009: Alex swings Oscar sings. Mehr als Platz 20 war nicht drin, trotz Unterstützung durch die leicht bekleidete US-Stripperin Dita von Teese. In Raabs Augen war das ein Fehler, weil es unsympathisch wirkte, nach dem Motto: "Die Deutschen kaufen sich einen Superstar und versuchen, auf dicke Hose zu machen."
Raab kennt die Mechanismen des Song Contests. Im Jahr 2000 landete er selbst mit dem Song "Wadde hadde dudde da" auf Platz fünf des Wettbewerbs, der von ihm produzierte Künstler Guildo Horn schaffte es auf Platz sieben (1998), Raabs Zögling Max Mutzke auf Platz acht (2004). Mit der Ausnahme von Michelle 2001 (Platz acht) war allen anderen deutschen Beiträgen kein Glück beschieden. Eine Bilanz des Niedergangs: Corinna May ('02, Platz 21), Lou ('03, Platz zwölf), Gracia ('05, letzter Platz), Texas Lightning ('06, Platz 15), Roger Cicero ('07, Platz 19), No Angels ('08, letzter Platz). Die Gründe für das schlechte Abschneiden waren vielfältig und sind schwer auf einen Faktor zu reduzieren – aber weder für Country noch für Swing scheint sich ein europaweites Publikum zu interessieren, und für unfähige Sängerinnen genausowenig.
Für Raab ist das eine optimale Ausgangsposition: Eigentlich kann er nicht versagen. Aber nicht einmal davor hat er Angst, wie er in einem Interview verriet. "Die Leute erkennen an, wenn man mutig etwas anpackt und am Ende vielleicht nicht der strahlende Sieger ist, aber alles gegeben hat." Alles geben, das heißt in Raabs Augen vor allem – eine gute Show bieten. Gleich achtmal wird sich eine prominente Jury mit den 20 besten aus mehr als 4000 Kandidaten auseinandersetzen. In der Finalshow am 12. März entscheiden die Zuschauer per Telefon-Voting, wer nach Norwegen fährt. Die Jury unter Vorsitz von Raab besteht aus Xavier Naidoo, Marius Müller-Westernhagen, Jan Delay und Sarah Connor – quasi ein Querschnitt des deutschen Musikgeschmacks, der auch noch eine ältere Klientel mit ins Boot holt. Ohnehin scheint Raab mit seiner Herangehensweise an den Song Contest auf mehr Zustimmung als Ablehnung zu stoßen. Laut einer Umfrage befürwortet die Hälfte der Deutschen das Engagement des 43-Jährigen, in der Gruppe der 14- bis 29-Jährigen sind es sogar mehr als 70 Prozent.
Damit auch wirklich nichts schiefgeht, greift Raab auf bewährte Kräfte zurück und lässt Matthias Opdenhövel moderieren. Weil ProSieben sechs von acht Sendungen ausstrahlt, scheint wohl auch der ARD-Faktor berechenbar. Raab wird wohl erst wieder nach dem 29. Mai seinen Frieden finden – zumindest ein bisschen.
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