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  Foto: Screenshot ARD
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Talk bei "Hart aber fair": Sarrazin räumt "Dummheit" ein

VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 02.09.2010 - 09:15

Düsseldorf (RP). Frank Plasberg betrat seine "Hart-aber-fair"-Arena am Mittwochabend nicht in der Erwartung, Thilo Sarrazin werde irgendwann sein umstrittenes Buch von sich werfen, die Hände heben und laut rufen "Ich ergebe mich". Doch immerhin gelang es dem härtesten Nachfrager der ARD, Sarrazin zu dem Eingeständnis zu bewegen, seine These vom gemeinsamen Gen aller Juden sei eine Dummheit gewesen – die aber mit seinem Buch nichts zu tun habe: "Hätte ich Ostfriesen oder Isländer gesagt, wäre es kein Thema gewesen."

Zum verbalen Schlagabtausch mit Sarrazin über sein umstrittenes Buch "Deutschland schafft sich ab" hatte die ARD den Publizisten und TV-Moderator Michel Friedman, die WDR-Moderatorin und Kulturhauptstadt-Direktorin Asli Sevindim, den SPD-Sozialpolitiker und früheren deutschen Botschafter in Israel (2000-2005) Rudolf Dressler und den Historiker Arnulf Baring eingeladen.

Zwischen Schnappatmung und Knurrigkeit

Plasberg erklärte, man wolle sich keine Zitate-Schlacht liefern, sondern die Methode unter die Lupe nehmen, nach der Sarrazin vorgehe. Dabei machte die Runde die erwartbaren Fehler: Dressler hielt dem Provokateur vor, er schade Deutschlands Ansehen im Ausland, Historiker Baring mahnte zur Besonnenheit und wunderte sich, wie fest die Urteile über Sarrazins Buch ("ein sehr ernsthafter, nachdenklicher Essay") schon vor dem Erscheinen gewesen seien.

Asli Sevindim ("Ich habe schon Schnappatmung") beklagte, ihre Eltern fühlten sich beleidigt und argumentierte mit ihrer eigenen Biografie (1973 in Duisburg geboren, Mutter Fabrikarbeiterin, Vater Kranführer, Abitur, Studium) und hielt Sarrazin vor, rassistisch zu argumentieren und nichts zur Lösung der Integrationsprobleme beizutragen. "Eine politische Rede ohne jeden Inhalt", fasste Sarrazin zusammen, "sie kennen offenbar keine meiner Zahlen."

Friedmann nannte Sarrazin einen "Hassprediger". Mit seiner pseudowissenschaftlichen und respektlosen Argumentation, die Menschen zu Zahlen reduziere, verlasse er die republikanische Tradition, "dass jeder in seinem Leben alles erreichen kann". Im Übrigen halte er Obstverkäufer für "mindestens so einen ehrbaren Beruf wie Bundesbanker". Sarrazin hatte bereits im vergangenen Jahr mit dem Zitat für Furore gesorgt, Muslime hätte außer für den Obsthandel keinen wirtschaftlichen Wert für das Land Berlin.

Sarrazin ist alles andere als der geborene Sieger einer Talkshow. Klein, leise, lispelnd, grau und grimmig dreinblickend, gab er sich am Vorabend der für Donnerstag erwarteten Entscheidung der Bundesbank über seine Zukunft vergleichsweise zahm. "Sind Sie auf Bewährung hier?", fragte Plasberg. "Ich bin als Buchautor hier", knurrte Thilo Sarrazin.

Letztlich gelang es der ARD gestern Abend zum zweiten Mal innerhalb einer Woche nicht, Sarrazin zu stellen. Die umstrittenen Ausblicke am Ende seines Buches seien "satirisch" gemeint, wich Sarrazin aus, um gleich zu erklären: "Ich weiche niemals aus." Den Nachweis zu erbringen, dass genau darin Sarrazins Methode liegt, gelang Plasberg nicht.

Neun Minuten vor Ende der Sendung machte Plasberg per Einspieler das Fass auf, 20 Prozent der Deutschen könnten sich vorstellen, eine Partei rechts der CDU zu wählen - unter anderem mit Sarrazin und Baring an der Spitze. "Das ist infam", polterte Baring, und im Übrigen seien es seiner Auffassung mehr als 20 Prozent. "Sie sollten nicht dem Fehler erliegen, das Thema in die rechtsradikale Ecke abzuschieben", warnte er Plasberg.

Der Schlusseinspieler, in dem die (ausschließlich deutschen) Schüler und Lehrer des Essener Goethe-Gymnasiums das Goethe-Gedicht "Wanderers Nachtlied" nicht kannten und schon gar nicht aufsagen konnten, wirkte lediglich albern.

Sarrazin verschanzt sich hinter Zahlen

Schon am Montagabend hatte Reinhold Beckmann den umstrittenen Bundesbankvorstand mit respektablen Gegnern umzingelt. Grünen-Chefin Renate Künast, Journalist Ranga Yogeshwar, Hamburgs SPD-Chef Olaf Scholz und Niedersachsens Sozial- und Integrationsministerin Aygül Özkan (CDU) mühten sich 80 Minuten vergeblich, spürbar gegen Sarrazin zu punkten. Sarrazin verschanzte sich – wie am Mittwoch – hinter einem Gebirge aus Zahlen und Statistiken.

Dass Statistiker seine Prognosen über das Aussterben der Deutschen für unhaltbar halten, ficht Sarrazin ebenfalls nicht an: Das sei ja nur eine Modellrechnung, so Sarrazin. Die Trends gebe es nun einmal. Und das sähen viele so wie er. Plasbergs Redaktion bestätigte in der Sendung: Rund 600 Mails seien eingegangen - dreimal mehr als sonst. 5000 Gästebuch-Einträge habe es schon vor der Sendung gegeben. Nur eine Minderheit kritisiere Sarrazin: "Die Mehrheit ist der Auffassung: Sarrazin hat recht."

Viele sagten über ihn, so Sarrazin, er sei irgendwie komisch. "Ich bin am Ende meiner Berufslaufbahn, ich bin materiell abgesichert. Was mich an psychischem Druck derzeit belastet, halten viele Menschen nicht aus. Und deshalb halten sie den Mund." Er werde nie mehr aktiver Politiker werden, beendete Sarrazin alle Spekulationen über mögliche Aktivitäten nach seinem möglichen Ausscheiden aus dem Bundesbank-Vorstand: "Aber die Parteien müssen aushalten, dass es Menschen wie mich mit diesen Ängsten gibt."


 
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