Moderator wird Regierungssprecher: Seibert-Wechsel verärgert ZDF
VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 13.07.2010 - 17:43Mainz (RP). Mit dem Wechsel von "heute"-Moderator Steffen Seibert in das Amt des Regierungssprechers gerät das ZDF einmal mehr in den Ruf, eine Art Parteibuch-Verein mit eigenem Sendebetrieb zu sein. Der Chefredakteur ist sauer.
Der oberste Mainzelmann hat schlechte Laune. Peter Frey (52), als ZDF-Chefredakteur gerade mal seit dreieinhalb Monaten im Amt, verdankt seinen Job dem Eingriff der CDU-Mehrheit im Verwaltungsrat des öffentlich-rechtlichen Senders. Gerade weil das so ist, legt Frey – Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken und engagiert in einem Bertelsmann-nahen Zentrum für "Angewandte Politikforschung" – größten Wert darauf, nicht für den Chef eines amtlichen Verlautbarungssenders gehalten zu werden. Doch genau das legt der Wechsel von Steffen Seibert in die Regierungssprecherei der Kanzlerin nahe. Schon wieder.
Von außen betrachtet war das ZDF einfach immer der etwas lockerere Teil des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Die "heute"-Nachrichten waren nie ganz so trocken wie die ARD-Tagesschau. Verlor sich der ARD-"Tatort" schon mal in Gesellschaftskritik, spielte "Derrick" meist im gutbürgerlichen Milieu. Die betonte Volkstümlichkeit des ZDF ging so weit, dass der Sender vor Jahren überlegte, für seinen "ZDF-Fernsehgarten" einen gigantischen Freizeitpark auf dem Mainzer Lärchenberg zu errichten. Von innen aber war das ZDF immer ein Parteibuch-Abbild der Mehrheitsverhältnisse im Land, und meist lag die CDU vorne.
Koch gegen Brender
Für die Fernsehzuschauer wurde das nach Jahren relativer Ruhe erst wieder öffentlich, als der inzwischen zurückgetretene hessische Ministerpräsident Roland Koch die CDU-Mehrheit im Verwaltungsrat mobilisierte, um den missliebigen Chefredakteur Nikolaus Brender loszuwerden. Brender bezichtigte die Parteien, im ZDF ein "Spitzelsystem" errichtet zu haben, das dem der Stasi in der DDR vergleichbar sei. Mit Peter Frey installierte die CDU zum 1. April einen Nachfolger, der für ZDF-Verhältnisse als gemäßigter Linker galt. Frey erklärte prompt, es sei jetzt seine Hauptaufgabe, "die Glaubwürdigkeit des Senders, die in der öffentlichen Wahrnehmung gelitten hat, wieder herzustellen". Knorrig hämmerte Frey den ZDF-Mitarbeitern erst jüngst laut "Berliner Zeitung" in einer internen Veranstaltung ein: "Wir sind niemandes Diener."
Aber genau so sieht es jetzt natürlich wieder aus. Seibert ist nicht der erste ZDF-Redakteur, der Sprecher einer schwarz-gelben Regierung wird: Friedhelm Ost war ZDF-Wirtschaftsredakteur, bevor ihn Helmut Kohl 1985 zum Chef des Bundespresseamts machte. Anders als Ost bringt Seibert keine CDU-Biografie mit. Er sagt bloß Sätze, die auch von der Kanzlerin stammen könnten: "Ich träume nicht von einer anderen Gesellschaft, ich träume von der, die ich jeden Tag erlebe und verbessere. So stelle ich es mir vor", zitiert ihn das Herrenmagazin GQ in einem Star-Porträt. Der Brigitte verriet er vor Jahren, dass es ihm vor Thrillern grause, und: "Ich bin der Mann, mit dem man gut Frauenfilme ansehen kann." Als Unicef-Pate reiste Seibert im vergangenen Jahr durch Nepal. Alles sehr nett, alles sehr unverdächtig. Weil man so einem die Nachrichten glaubt, lässt man sich von ihm vielleicht auch die Politik der Kanzlerin erklären – und genau dieser Transfer des Kompetenz-Verdachts vom Sender auf die Regierung ärgert ZDF-Chefredakteur Frey maßlos.
Verdi-Mitglieder schicken hämischen Abschiedsbrief
Führende Mitglieder der Gewerkschaft Verdi beim ZDF sandten dem künftigen Regierungssprecher Seibert einen hämischen Abschiedsbrief hinterher: Nachdem die Kanzlerin die Proteste gegen den Rausschmiss von Brender ignoriert habe, könne Seibert ihr ja nun erklären, wie wichtig Staatsferne für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sei – schließlich habe er ja einen der Protestbriefe unterschrieben. In Anspielung auf Seiberts Vorgänger Ulrich Wilhelm, der gerade zum Intendanten des Bayrischen Rundfunks aufgestiegen ist, erklärten die Gewerkschafter, sie freuten sich bereits auf Seiberts Rückkehr in einigen Jahren: "Intendanten werden immer wieder gesucht."
Das mag spöttisch gemeint sein, für das ZDF wäre es keine ungewöhnliche Karriere. ZDF-Intendant Markus Schächter fungierte im früheren Berufsleben als Sprecher des rheinland-pfälzischen Kultusministers. Sein Vor-Vorgänger Karl-Günther von Hase war von1962 bis 1967 Chef des Bundespresseamts, bevor er 1977 ZDF-Intendant wurde. Aus Steffen Seibert könnte noch was werden.
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