Senkrechtstarter Oliver Geissen: Strahlemann auf Zeit
zuletzt aktualisiert: 22.05.2003 - 11:42An dem Mann scheiden sich die Geister - allerdings nur, was die korrekte Schreibweise seines Namens betrifft. Geißen oder Geissen? Beide Varianten finden sich - schön gleichmäßig verteilt - in den zahlreichen Veröffentlichungen über ihn immer wieder. Des Rätsels Lösung: In Oliver Geissens Geburtsurkunde steht ein scharfes "ß" - weil sich die andere Variante grafisch allerdings besser umsetzen lässt, rieten findige PR-Strategen dem Moderator vor Jahren zur Doppel-S-Variante. Die findet sich nun auf seiner Homepage, während sein Sender RTL den 33-Jährigen skurrilerweise nach wie vor in der alten Schreibweise vermarktet.
Es dürfte wahrscheinlich der einzige Widerspruch im Lebenslauf des gebürtigen Hamburgers sein, der sich innerhalb von nur vier Jahren durch seine spontane, flapsige Art vom unbekannten Nachmittags-Talkmaster zu einem Aushängeschild für RTL entwickelt hat. Oliver Geißen ist unbestritten ein Sympathieträger des Senders - und ein Mann für besondere Aufgaben: Als Weltstar Madonna kürzlich zum Exklusiv-Interview nach Deutschland kam, schickten die Kölner den Sonnyboy ins Rennen.
Plauderei mit der Pop-Ikone
Einem fröhlichen Strahlemann wie ihm traute man am ehesten zu, die bisweilen etwas zickige Pop-Ikone zum Plaudern zu bringen. Heute Abend (20.15 Uhr) darf Geissen "Die ultimative Chart Show" mit den größten Hits und Stargästen aus 30 Jahren Showgeschichte als fast dreistündiges "Special" präsentieren.
Sein Lebenslauf liest sich so gradlinig und unkompliziert wie der Start eines Linienflugzeugs. Und auch die Richtung ist vergleichbar: immer schön nach oben. Nach dem Abitur volontierte Oliver Geissen beim Privatrundfunksender "OK Radio". Von 1994 bis 1998 moderierte er verschiedene Jugend-, Sport- und Freizeitmagazine fürs ZDF und arbeitete parallel bis 1997 bei HH 1 als Moderator und Sportchef.
Mit seiner eigenen täglichen Talkshow machte er 1999 erstmals bei RTL auf sich aufmerksam. Nach einem viel beachteten Zwischenspiel bei "Big Brother" folgte im vergangenen Jahr der endgültige Durchbruch: In der "80er Show" parlierte der 1,83 Meter große Blondschopf so locker mit Stars wie Günther Jauch und Nena über Brustbeutel, große Ohrringe oder andere Accessoires aus gemeinsamen Jugendzeiten, dass die Sendung mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. Rund sechs Millionen Zuschauer im Schnitt schalteten ein, und Geissen, zu dessen Markenzeichen es gehört, das Hemd stets über der Hose zu tragen, wurde in die erste Reihe der RTL-Stars katapultiert.
Nostalgie-Welle ausgelöst
Dass er mit seiner Show eine regelrechte Nostalgie-Welle ausgelöst hat, freut den Hobbyfußballer. Als "Shooting Star" sieht er sich dennoch nicht. "Mich gibt es doch schon ein paar Jahre", sagt er abwehrend. "Den Titel würde ich eher einem gönnen, der sein erstes Jahr in den großen Medien verbracht hat." Auch dass diverse Kritiker den TV-Profi mit dem lausbübischen Charme bereits als Nachfolger von Thomas Gottschalk handeln, lässt ihn kalt. "Als junger Moderator ist das Schlimmste, was man machen kann, erfolgreiche Kollegen zu kopieren", findet Oliver Geissen. "Entweder schafft man es mit seinem eigenen Stil, oder es langt halt nicht."
Also bleibt er bei dem, was er am besten kann: munter drauflos fragen und Witze machen. Das darf Geißen in der "ultimativen Chart Show" heute abend gleich drei Stunden lang, wenn er die 50 erfolgreichsten Hits aus 30 Jahren deutscher Musikgeschichte als Countdown präsentiert. Dazu gibt es - getreu dem Erfolgsrezept der "80er-Show" - Prominente im Studio (unter anderem die "Scorpions"), die über ihre Erinnerungen an diverse Evergreens sprechen, sowie Einspielfilme über die jeweiligen Tanz- und Modetrends.
Rückzug in zwei Jahren
So konsequent, wie er bisher an seiner Karriere gebastelt hat, will sich der Moderator spätestens 2005 aber auch wieder hinter die Kamera zurückziehen und verstärkt als Produzent arbeiten. Denn in zwei Jahren wird Max, der ältere seiner beiden Söhne, eingeschult. Und der Familienmensch Geissen möchte, dass seine Kinder "normal aufwachsen und behandelt werden". Dieses Ziel soll nicht gefährdet werden, nur weil der Papa so oft im Fernsehen zu sehen ist.
Schließlich hat Geißen schon im vergangenen Jahr in einem Interview deutlich gesagt, was er erlebt, wenn er mit Familie und Hund einkaufen geht. "Natürlich stört es mich nicht, Autogramme zu schreiben. Aber wenn zum Beispiel gerade mein Sohn im Säuglingsalter ein Bäuerchen gemacht und mich von oben bis unten vollgekotzt hat, mein Hund wie wild an der Leine zieht, meine Frau mich gerade fragt, ob sie mal kurz meine EC-Karte haben könnte, und dann stehen plötzlich 20 Kiddies vor mir und möchten ein Autogramm haben - das sind so die Kehrseiten."
Unbekannter zu werden - das dürfte angesichts der enormen Popularität, die der 33-Jährige zurzeit genießt, wohl eine seiner schwierigsten Herausforderungen in den kommenden Jahren sein.
PETER KORN
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