Absetzung gefordert: Streit um „Roma-Tatort“
VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 19.10.2008 - 15:27Köln (RP). Im Köln-Tatort „Brandmal“ am Sonntag wird ein Roma-Mädchen verdächtigt, ein tödliches Feuer gelegt zu haben. Der Zentralrat der Sinti und Roma ist empört und fordert die Absetzung des Krimis. Zu Recht?
Der Clan der Demiris wohnt in einem Flüchtlingswohnheim in Köln-Kalk. Eine Roma-Familie, die aus dem Kosovo vertrieben wurde. Tochter Lutvija schwänzt die Schule und stiehlt. Hat das junge Mädchen jetzt einen verhängnisvollen Brand gelegt? Die Kölner Kommissare parken ihr Auto vor der Tür. „Lustig ist das Zigeunerleben“, singt Freddy Schenk vor sich hin, als die Ermittler das Heim betreten. Und ein Kollege warnt die Fahnder. „Passt bloß auf eure Portemonnaies auf.“
Eine Szene aus dem Köln-Tatort „Brandmal“, der am Sonntag gesendet wird. Eine junge Frau ist bei einem Feuer ums Leben gekommen. Anwohner verdächtigen „kriminelle Ausländer“, ein Wohnhaus angezündet zu haben. Die Indizien belasten das Mädchen Lutvija.
Schon zwei Wochen vor der Ausstrahlung löste der Tatort Proteste aus. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritisierte, der Krimi bestätige „negative Klischees“ und sei „gefährlich“. Für Stigmata gebe es nach „dem Holocaust und der Nazipropaganda immer noch besonders fruchtbaren Boden in unserer Gesellschaft“. Roma würden als grausam, kriminell und schmutzig dargestellt.
Der WDR weist die Vorwürfe zurück. Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff findet, der Film sei „sorgfältig recherchiert“, mit der „behutsam inszenierten Problematik“ werde differenziert umgegangen. Tatsächlich? Wie beurteilt ein neutraler Zuschauer den Krimi?
Thomas Kufen, der Integrationsbeauftrage der Landesregierung, hat sich den Tatort auf Anfrage unserer Redaktion vorab angesehen. Der Experte kommt zu einer differenzierten Einschätzung. Die Kritik sei nachvollziehbar, findet Kufen. „Die Geschichte dieser Volksgruppe ist gekennzeichnet durch Ausgrenzung, Verfolgung und Leid. Es ist fast schon unangemessen, wie in den Krimi-Dialogen damit umgegangen wird.“
Dass es Kritik geben werde, habe der WDR wohl schon geahnt, erklärt der Integrationsbeauftragte. „In Schulfernsehmanier werden in Nebensätzen immer Informationen über die Geschichte der Roma und Sinti eingestreut“, sagt Kufen. „Selbst die Bezeichnung 'mobile ethnische Minderheit' musste offensichtlich vorkommen. Letztendlich bleibt der Versuch der politischen Bildung aber nur bemühtes Stückwerk.“
Der Krimi wimmele von lauter Stereotypen, nicht nur auf Seiten der Roma, auch die deutschen Biedermänner seien überzeichnet. „Alle Figuren bleiben an der Oberfläche und spielen in Schwarz und Weiß die ihnen zugedachten Rollen“, urteilt der Integrationsbeauftragte.
Die Idee zu dem Roma-Tatort war 2004 entstanden. Damals wurde das Kölner Tatort-Team zur Verleihung des Civis-Preises nach Wien eingeladen. Am Rande der Veranstaltung traf ARD-Tatort-Koordinator Gebhard Henke den Obmann des Kulturvereins österreichischer Roma, Rudolf Sarközi. Der regte einen Krimi über das Roma-Milieu an.
„Brandmal“ steht in der Tradition der sozialkritischen Köln-Tatorte. Die Produzenten waren wegen des Vorwurfs der Über-Politisierung schon oft in die Kritik geraten. Kindesmissbrauch, Neonazis, Wehrmachtsverbrechen, Diamantenhandel – es gibt kaum ein Sujet, mit dem die Kölner Fahnder noch nicht konfrontiert waren. „Diesmal ist kein großer Wurf gelungen“, findet Integrationsexperte Kufen. Eine Absetzung würde den Tatort aber „überbewerten“. „Der ist vor allem langweilig.“
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