Bei Recherchen für TV-Doku: Tonbänder aus dem Stammheim-Prozess gefunden
zuletzt aktualisiert: 30.07.2007 - 19:38Hamburg (RPO). Bei Recherchen für eine TV-Dokumentation sind bislang unbekannte Mitschnitte aus dem RAF-Prozess in Stammheim aufgetaucht. Die Tonbänder sind 30 Jahre alt. Darauf sind Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe zu hören.
Der NDR berichtete am Montag, bei den Recherchen zu der zweiteiligen Dokumentation "Die RAF" seien die Autoren Stefan Aust und Helmar Büchel in Nebenräumen des Oberlandesgerichtes Stuttgart auf Teile der Bänder gestoßen. Bisher sei davon ausgegangen worden, die Aufnahmen seien vernichtet.
Ein Ausschnitt der Dokumentation mit Originaltönen von Prozessteilnehmern sollte am Montagabend in den "Tagesthemen" zu sehen sein. Die Sendung der Dokumentation "Die RAF" ist für Sonntag, 9. September und Montag, 10. September, jeweils im Ersten Programm der ARD geplant. Sie wurde von der Produktionsfirma Spiegel TV im Auftrag des NDR hergestellt.
Bei den Aufnahmen handelt es sich laut NDR um 21 Bänder mit etwa zwölf Stunden von Mitschnitten aus dem Gerichtssaal im Hochsicherheitstrakt Stuttgart-Stammheim. Eigentlich sei vorgesehen gewesen, sie zu löschen. Das sei aber nach dem Abschreiben vergessen worden. Zu hören seien die Angeklagten Baader, Ulrike Meinhof, Ensslin und Raspe sowie Anwälte, Richter und Staatsanwälte.
Nach langwierigen Verhandlungen mit dem Oberlandesgericht und der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die zunächst auf einer Vernichtung der Tondokumente bestanden habe, seien die Bänder schließlich in Kopie über das Staatsarchiv Ludwigsburg an die Dokumentarfilmer herausgegeben worden, berichtete der NDR. Für die Veröffentlichung hatten die Autoren die schriftliche Genehmigung der noch lebenden Prozessteilnehmer eingeholt.
Erst veröffentlicht, dann verschwunden
Verwirrung gab es zwischenzeitlich am Nachmittag über eine Ankündigung des Südwestrundfunks. Der hatte noch vor Herausgabe der NDR-Meldung bekannt gegeben, er habe unveröffentlichte Tondokumente aus dem Prozess entdeckt. Fundort: Das Staatsarchiv Ludwigsburg, der Ort über den auch die Spiegel-Journalisten an die Ton-Dokumente kamen.
Eine Stunde lang waren die Mitschnitte tatsächlich auf der Website des SWR zu hören. Nach 60 Minuten verschwanden die Links am frühen Montagabend. Stattdessen vermeldete die Online-Ausgabe des Spiegel den Fund der Dokumente, ebenso wie der NDR. Vieles deutet darauf hin, dass es an diesem Nachmittag erheblich Abstimmungsschwierigkeiten bei der ARD gegeben hat. Der SWR korrigierte am späteren Abend die Mitteilung auf seiner Website. Die Ton-Mitschnitte waren nun erst für 22.45 Uhr freigegeben, pünktlich nach der exklusiven Erstausstrahlung in den ARD-Tagesthemen.
Was zu hören ist
Zu hören sind in den Mitschnitten die letzte Aussage Meinhofs vor ihrem Selbstmord, ein Statement Baaders zum Thema Isolationshaft, Raspe zu den Haftbedingungen und Ensslin zur Verantwortung der Roten-Armee-Fraktion.
Ruhig im Tonfall formuliert Baader RAF-Phrasen, verhaspelt sich und wirkt konfus. Er spricht von einem "Militärgerichtshof", dem "Subzentrum des amerikanischem Imperialismus". Er benutzt eine Vielzahl an Fremdwörtern, wie sie in der damaligen Linken verbreitet waren. Meinhof gibt sich bei der Kritik am Ausschluss von Wahlverteidigern sprachlich nachlässig: "Will mal sagen", "Herold - der damalige BKA-Chef, die Red. - will die Zellen dicht machen".
In dem Prozess in Stuttgart-Stammheim waren die Taten der ersten RAF-Generation verhandelt worden. Meinhof erhängte sich am 9. Mai 1976 in ihrer Zelle. Baader, Ensslin und Raspe wurden am 28. April 1977 zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie begingen im darauf folgenden Herbst Selbstmord.
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