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panorama kerner bei sat1
  Foto: Boris Laewen/Sat.1
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Johannes B. Kerner startet Sat.1-Format: Tote im Studio

VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 03.11.2009 - 07:21

Hamburg (RP). Johannes B. Kerner hatte für seine neue Sendung "Kerner" weniger Plauderei und eine größere thematische Bandbreite versprochen. Dies konnte der routinierte Moderator bei seiner Premierensendung am Montagabend in seinem neuen alten Sender Sat.1 aber nur bedingt einhalten.

Idolisiert von Millionen, verdankt dieser Mann seinen Erfolg der Tatsache, dass aus jeder Handlung und jedem Wort der Figur, die er vor den Fernsehkameras verkörpert, eine absolute Mittelmäßigkeit spricht, verbunden mit (und dies ist die einzige Tugend, die er im Übermaß besitzt) einem direkten und natürlichen Charme, der sich durch die Tatsache erklären lässt, dass an ihm keinerlei Künstlichkeit oder Schauspielerei zu erkennen ist.

Man möchte fast sagen: er verkauft sich als das, was er ist, und das, was er ist, ist so geartet, dass es keinem Zuschauer Minderwertigkeitsgefühle verursacht, nicht einmal dem unbedarftesten.

"Du kannst so dumm sein, dass dich die Schweine beißen"

Der voranstehende Text ist keine Kurzkritik der neuen Show „Kerner“ des gleichnamigen Medienunternehmers und Geflügelwurst-Promoters, die am Montagabend bei Sat1 Premiere hatte. Umberto Eco schrieb diese Zeilen 1961 über Mike Bongiorno, den im September verstorbenen bekanntesten Fernsehmoderator und Quizmaster Italiens.

Aber wie kann man nicht an Kerner denken, wenn man so wundervolle Sätze liest, wie: „Er achtet sorgfältig darauf, den Zuschauer nicht zu beeindrucken, indem er sich nicht nur unwissend zeigt, sondern auch entschlossen, nichts dazuzulernen.“

Im letzten Interview vor seinem Tod erklärte der frühere Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs, was Erfolg im Fernsehen garantiert: „Wichtig ist Frequenz. Du kannst so dumm sein, dass dich die Schweine beißen, du musst nur jeden Tag so dumm sein, dass dich die Schweine beißen. Dann ist dein Aufstieg zum Ruhm nicht mehr aufzuhalten.“

Dieses Prinzip hat Kerner in seinen zehn ZDF-Jahren zumindest nicht geschadet. Seine tägliche Präsenz schuf ihm eine Prominenz, der wiederum prominente Gäste sich nicht entziehen konnten. Und je mehr kamen, desto mehr mussten ihnen folgen.

Unvermögen zu jeder Art von journalistischer Unterhaltung

Diese Gäste fehlen Kerner nun, und um so krasser tritt sein Unvermögen zu jeder Art von journalistischer Unterhaltung zu Tage. Wie Mike Bongiorno kann Kerner sich offenbar nicht vorstellen, dass es auf eine Frage mehr als bloß eine Antwort geben könnte. Wie Bongiorno akzeptiert er vom Mainstream abweichende Meinungen seiner Gäste nicht aus liberaler Überzeugung, sondern aus Desinteresse. Seine hölzerne Wurstigkeit, seine sture Abarbeiterei vorformulierter Fragekärtchen - nie traten sie deutlicher zutage als in seiner neuen Sendung.

Weil es einfach eine schöne Optik ist, setzt Kerner sich gemeinsam mit Mario Barth mit dem Rücken zum Studio-Publikum. Es ist bezeichnend, dass Barth dies peinlich ist, Kerner den Affront jedoch nicht einmal bemerkt. Kerner ist gar nichts peinlich.

Nicht einmal, dass er mit Barth gar kein Gespräch führt, sondern irgendwer aus seinem Team einen Satz Fragekärtchen zusammengerührt hat, die ein Gespräch lediglich simulieren – und Barth als Stichworte dienen, Teile seines Programms abzuspulen. Es ist Kerner ja nicht einmal zu doof, angebliche Zuschauerfragen zu beantworten oder zu behaupten, man könne zu den Themen der Sendung auch Fragen mailen – um 21.15 Uhr, für eine Sendung, die um 16 Uhr aufgezeichnet wird.

Tote im Studio

Das Versprechen, das Kerner seinen Zuschauern zum Beginn der Sendung gab, erfüllte er aufs Wort: „Sie werden sich gleich kaputtlachen.“ Kerner verspricht immer, was er hält. Denn Kerner ist fleißig und ein akribischer Arbeiter. Nur weiß Kerner nicht, dass Mario Barth nicht lustig ist, sondern ein bloß Witzbold-Darsteller. Kerner hat keine Ahnung von den Dimensionen der Komik, die er erschließt, wenn er einen 29-Jährigen Geisterseher ohne jeden Anflug von Ironie fragt, ob Tote im Studio anwesend sind, und dann in seiner buchhalterischen Manier nachhakt, wie viele Tote es wohl gemessen an der Publikumszahl sein könnten.

Wiglaf Droste hat über Kerner einen Reim geschrieben, den Kerner mutmaßlich nie verstehen wird: „Keiner ist der Wahrheit ferner / als Johannes Baptist Kerner.“ Diesem Satz ein komplettes Sendeformat zu widmen, ist ein nahezu kulturhistorisches Verdienst von Sat1. Vielen Dank dafür. Nötig gewesen wäre es nicht.


 
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