Medienexperte: RTL-Show "echtes Lernfernsehen": Umfrage: 53 Prozent wollen Schröder im Dschungel-Camp sehen
zuletzt aktualisiert: 21.01.2004 - 09:19Hamburg (rpo). Über mangelnde Kritik kann sich die RTL-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" wahrlich nicht beklagen. Jetzt hat ein Experte zur Abwechselung mal etwas Gutes an der Sendung entdeckt: Es sei "echtes Lernfernsehen" gewesen. Unterdessen ergab eine Umfrage, dass 53 Prozent der Deutschen gern Kanzler Schröder im Dschungel-Camp sehen würden.
Der Wunsch, die Mächtigen einmal so richtig in schwierigen Situationen sehen zu wollen, mag zur emotionalen Grundausstattung vieler gehören, die weniger zu bestimmen haben.
So kann es kaum verwundern, dass nach einer neuen Forsa-Umfrage im Auftrag des "Stern" mehr als die Hälfte der Deutschen gerne Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in einem Dschungel-Camp sehen würden.
Auf die Frage: "Welchen Politiker würden Sie am liebsten in solch ein Dschungel-Camp schicken?", nannten 53 Prozent der 1001 Befragten den Regierungschef, wie das Hamburger Magazin am Mittwoch vorab berichtete.
Mit je 50 Prozent (Mehrfachnennungen waren möglich) kamen FDP-Chef Guido Westerwelle und Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) auf Platz zwei, dicht gefolgt von Finanzminister Hans Eichel (SPD) und den Vorsitzenden von CDU und CSU, Angela Merkel und Edmund Stoiber, die von jeweils 49 Prozent genannt wurden.
Ob der Wunsch, Spitzenpolitiker der Unbill der Wildnis auszusetzen, die Genannten wirklich schrecken kann, sei dahin gestellt - schließlich scheinen die Gesetze des Dschungels nicht selten auch im ihnen vertrauten Berliner Polit-Betrieb zu gelten. Am seltensten genannt wurden in der Umfrage übrigens die Generalsekretäre von CDU und SPD, Laurenz Meyer und Olaf Scholz - sie erreichten 29 beziehungsweise 27 Prozent.
"Echtes Lernfernsehen"
Die Meinung, es habe sich bei der Show um "echtes Lernfernsehen" gehandelt, vertritt der Medienwissenschaftler Norbert Bolz. Dabei könne man "prima Gruppenprozesse beobachten, die man so verdichtet im wirklichen Leben nie zu sehen bekommt", sagte Bolz dem "Stern".
Den Erfolg der Show, die am Dienstagabend mit der Wahl des "Dschungelkönigs" vorerst zu Ende ging, führt der Experte darauf zurück, dass in Deutschland "Stars lieber gehauen als gestreichelt" würden. Das Publikum empfinde Vergnügen daran, "den Star zu demontieren, ihn bis zu dem Punkt zu quälen, an dem seine Fassade zu bröckeln beginnt".
Die Mitwirkung von Promis habe "ganz klar finanzielle Gründe", sagte Bolz dem Blatt. Sie bekämen Geld für die Show und könnten danach von einem höheren Bekanntheitsgrad profitieren.
Er glaube nicht, dass der Auftritt in der Dschungel-Show den Karrieren der Beteiligten schaden könnte, fügte Bolz hinzu: "Müll oder nicht Müll, das unterscheidet doch keiner mehr. Die Dschungel-Stars können bald neben Gottschalk bei 'Wetten, dass...?' sitzen."
Die Forderungen nach einem Verbot solcher Sendungen seien "Unsinn", sagte der Medienwissenschaftler. Man könne Massenmedien "nicht mit moralischen Maßstäben kommen".
Allerdings gebe es juristische Grenzen: "Wir dürfen nicht dabei sein, wenn jemand umgebracht wird. Auch wenn uns das durchaus interessieren würde."
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