ZDF zeigt "2057 – unser Leben in der Zukunft": Wenn Autos fliegen lernen…
VON CHRISTIAN SIEBEN - zuletzt aktualisiert: 18.03.2007 - 20:20Duisburg (RPO). Zahnbürsten, die uns unaufgefordert mit unserem Alkoholspiegel konfrontieren. Chirurgen, die Operationen am Touchscreen durchführen. Düstere Krankenkassenpolizisten, die über Leben und Tod entscheiden. Autos, die den Himmel in einen Highway verwandeln. Das ZDF hat uns in der ersten Folge von "2057 – unser Leben in der Zukunft" gezeigt, wie unser Leben in 50 Jahren aussieht. Den Machern gelingt eine spannende Vision, leider nicht frei von Albernheiten.
Das Konzept: Der Film bietet Interviews mit namenhaften Zukunftsforschern, Ingenieuren und Medizinern, die den derzeitigen Stand der Wissenschaft dokumentieren und wissenschaftlich fundierte Prognosen über die künftige Entwicklung abgeben. Kombiniert wird dies mit der fiktiven Geschichte eines Pariser Arztes im Jahr 2057, der nach einem schweren Unfall gelähmt ist und zudem ein neues Kunstherz benötigt. Da der Arzt kurz vor seinem Unfall seine Urinprobe fälscht, verliert er seine Krankenversicherung und wird beinahe dem sicheren Tod überlassen. Anhand dieser Geschichte entwickelt der Film Schritt für Schritt sein Bild vom Alltag in 50 Jahren.
Fliegende Autos: Glaubt man den Machern von "2057", sind Staus in fünf Jahrzehnten kein Thema. Der Highway der Zukunft ist der Himmel. Kronzeuge für diese Vision ist der amerikanische Pionier Paul Möller, der bereits heute "schwebende" Autos baut. Dass diese Mobile immense Energie verbrauchen und kaum zu steuern sind, verschweigt der Film nicht. Vor diesem Hintergrund erscheint die Prognose mutig. Denn ein Blick auf die Automobilentwicklung in den vergangenen 50 Jahren fällt düster aus. Moderne Autos sind sicherer und schneller als ein VW Käfer Baujahr 1950. Moderne Autos haben Navigationssysteme und schalten beim ersten Regentropfen automatisch die Wischblätter ein. Von der Lösung des Hauptproblems, dass Autos fossile Rohstoffe verfeuern und den Klimawandel vorantreiben, sind wir indes meilenweit entfernt. Fliegende Autos statt Hybridantrieb? Die Pointe "Highway im Himmel" hätten uns die Macher ersparen können.
Unsere neuen Häuser: Konkrete Vorstellungen von intelligenten Wohnsystemen gibt es schon heute. Der Kühlschrank zum Beispiel, der online Milch ordert, wenn die Bestände knapp werden. Roboter, die einfache Hausarbeiten erledigen. Das Haus in 50 Jahren kann mehr, es kontrolliert den Menschen. Die Zahnbürste, die morgens den Restalkoholspiegel misst und ein verbindliches Fahrverbot aussprechen kann. Eine Toilette, die automatisch Urinproben an die Kontrolleure der Krankenversicherung weiterleitet. Vermeintliche Serviceleistungen, die den Menschen rund um die Uhr kontrollieren. Technisch wäre das kontrollierende Haus schon heute möglich, bedrückend erscheint diese Big-Brother-Variante allemal.
Medizinischer Fortschritt: Ärzte der Zukunft operieren am Computer, das Schneiden selbst übernehmen Maschinen. Funktionsfähige Organe wie Herzen oder Nieren können künftig im Labor gezüchtet werden. Gelähmte Menschen lernen mit Hilfe von Mikrochips wieder laufen. Hier orientieren sich die Macher eng am derzeitigen Stand der Wissenschaft. Minimal invasive Eingriffe per Mini-Roboter werden schon heute durchgeführt. Gleiches gilt für Eingriffe mit Lasertechnik. Schon heute züchten Mediziner Herzklappen. Querschnittsgelähmte Menschen können per Mini-Chip im Gehirn Computer steuern. Das Szenario erscheint realistisch, macht auch heutigen Patienten Hoffnung auf die Zukunft.
Das Gesundheitswesen: Hier zeigt "2057" eine bedrohliche Zukunft. Nur Menschen mit einer "Platin-Versicherung" kommen in den Genuss des medizinischen Fortschritts. Eine Art Gesundheits-Stasi überwacht alle Versicherten. Verstöße wie eine gefälschte Urinprobe führen automatisch zum Verlust aller Ansprüche auf medizinische Hilfe. Das Heer der Unversicherten wird auf rückständigen Sterbestationen seinem traurigen Schicksal überlassen. Die Macher wollen mit ihrer Version der Zweiklassenmedizin provozieren, schießen aber deutlich über ihr Ziel hinaus. Westliche Gesundheitssysteme im Jahr 2007 haben gravierende Probleme. Die Kosten explodieren, Kassenpatienten müssen länger auf Behandlungen warten, werden in Krankenhäusern schlechter untergebracht als Privatpatienten. Dennoch: Unser Gesundheitssystem gehört zu den besten der Welt. Noch nie in der Geschichte hatten so viele Menschen Zugang zu moderner, lebensverlängernder medizinischer Versorgung. Warum die Macher von "2057" die Zukunft derart düster sehen, bleibt ihr Geheimnis.
Fazit: Das Konzept des Films funktioniert. Wissenschaftliche Fakten mit einer fiktiven Geschichte zu verbinden macht anschaulich, regt Diskussionen an. Leider übertreiben die Macher an einigen Stellen. Highways im Himmel und dunkle Gestalten von der Gesundheits-Stasi wirken albern. Dennoch darf der Zuschauer auf den zweiten Teil "Die Stadt" gespannt sein. Wenn er es schafft, die fliegenden Luxusschlitten über den Häusern wohlwollend zu ignorieren…
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