Castingshow "Das Supertalent": Wenn Bohlen langweilt
zuletzt aktualisiert: 01.11.2008 - 22:26Düsseldorf (RPO). Dieter Bohlen hielt sich auffallend zurück: Kaum ein fieser Spruch kam bei der jüngsten Folge von "Das Supertalent" über seine Lippen. So empörte Bohlen nicht, sondern langweilte. Und zugleich machte er damit deutlich, was am gesamten Sendungskonzept nicht stimmt.
Diesen Ausdruck hätte man in Dieter Bohlens aktivem Wortschatz kaum vermutet: "süß". Der Castingshow-Veteran überschüttete den 11-jährigen Marcel geradezu mit dem Einsilber: "Das war süß", sagte Bohlen zu dem Jungen, nachdem der seinen Hip-Hop-Tanz aufgeführt hatte, "das war ganz, ganz toll". Bohlens Zuckerguss war symptomatisch für die dritte Folge des "Supertalents", die fade vor sich hinplätscherte und einen unausgegorenen Eindruck hinterlässt.
"Wirf deine Stimmbänder in Salzsäure, dann haben wir ein gelöstes Problem." - So hatte Bohlen noch bei der letzten DSDS-Staffel gepoltert - doch am Samstag zeigte er sich weitgehend von seiner freundlichen Seite. Einer seiner fiesesten Sprüche richtete sich gar nicht einmal an die Exoten, Paradiesvögel und Künstler, die sich auf der Bühne tummelten, sondern an seine Jury-Kollegen: "Wenn ich hier rauskomme, besuch ich erstmal einen Kurs 'Deutsch für Anfänger' - wenn man mit euch beiden immer so zusammen ist...", sagte er zu Bruce Darnell und Sylvie van der Vaart; denn der eine ringt erfolglos erfolglos mit der korrekten Aussprache der Vokale, und die Fußballergattin vertauscht Genitiv und Dativ wie zu Veronas besten Zeiten.
Ansonsten hielt sich Bohlen auffallend zurück. Wenn er verzweifelte, verdrehte er lediglich die Augen oder ließ sein millionenschweres Haupt auf den Tisch sinken. Der härteste Spruch, den sich Bohlen leistete: "Als Du da auf dem Boden gekrabbelt bist, hat das mich so an David Hasselhoff erinnert, wie der besoffen seinen Hamburger gegessen hat", maulte er eine sichtlich unbegabte Tänzerin an.
Dabei hatte es wieder einige besondere Exoten auf die Bühne verschlagen, etwa den Vogelstimmen imitierenden Diplom-Biologen Uwe Westphal, der das Publikum auch noch anfuhr, als es ihn - wohl kaum zu Unrecht - ausbuhte. Und dann war da der Kreissägen-Illusionist, der eine große Shownummer versprach, aber letztendlich doch nur mit einer Kreissäge über ein Stück Metall kreischte und auf diese Weise Funken sprühen ließ. Wo blieb da Bohlens Ekel-Faktor? Diese Ausgabe des "Supertalents" wirkte wie eine Kuschel-Version von DSDS.
Damit büßt die Sendung noch mehr von ihrem ohnehin spärlichen Unterhaltungswert ein: Ohne Bohlens Lästermaul wirkt RTLs jüngster Castingshow-Aufguss noch fader, noch langweiliger. Offenbar gibt es für Bohlen-Shows keinen goldenen Mittelweg: Fies bis an die Schmerzgrenze zeigte sich Bohlen in den ersten Sendungen des "Supertalents" - jetzt hingegen präsentierte er sich zahm wie Clarence, der Löwe aus Daktari.
Das fehlende Gespür für's rechte Maß zeigte sich auch an der Gästeauswahl: Teils setzte RTL einige besonders schräge Paradiesvögel auf der Bühne aus; dem setzte der Sender gleichwohl einige echte Supertalente entgegen - wie den Mundharmonika-Spieler, der ganz im Sinne von "Spiel mir das Lied vom Tod" Zuschauern und Jury Gänseschauer über die Rücken jagte, oder die Schlagenfrau, die sich knochenknackend auf, unter und über einem Tisch räkelte.
RTL wollte wohl den tiefen Griff in die Freak-Kiste mit echten Talenten ausgleichen - in der Hoffnung, dass die Sendung irgendein akzeptables Gesamt-Niveau ereicht. Aber vergebens.
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