"Stalker" belästigen Promis: Wenn Fans zu Tätern werden
VON DANIEL GONZALES - zuletzt aktualisiert: 12.05.2005 - 08:01Düsseldorf (RP). Nicht nur Prominente wie die Pop-Sängerin Jeanette Biedermann werden von psychisch kranken Fans verfolgt und belästigt. Immer häufiger werden Privatpersonen und TV-Promis wie Harald Schmidt von „Stalkern“ verfolgt. Die Polizei schaut oft hilflos zu.
Ein kalter Dezembertag im Berliner Stadtteil Neukölln. Die Maisonette-Wohnung von Pop-Sängerin Jeanette Biedermann ist verlassen. Der 39-Jährige Eckehardt O. wittert seine Chance. Seit Monaten schickt er seinem Idol massenweise E-Mails und Briefe, versucht sie unentwegt ans Telefon zu bekommen - ohne Reaktion. Der fanatische Fan steigt in die Wohnung ein, verbringt bei Champagner und Müsliriegel die Nacht in ihrem Bett.
Jeanette Biedermann ist kein Einzelfall. Zu den Opfern solcher Fans gehören Harald Schmidt, Sportler Sven Hannawald, TV-Talkerin Sabine Christiansen und der TV-Star Patrick Lindner - die Liste der TV-Persönlichkeiten ließe sich beliebig fortsetzen.
TV-Stars besonders betroffen
„Stalker“ nennen Fachleute wie der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann die psychisch kranken Fans. Der Wissenschaftler an der Technischen Universität Darmstadt ist Leiter der einzigen Stalking-Studie im deutschsprachigen Raum. Hoffmann befragte 100 Stalker und 550 Betroffene, darunter 50 TV-Moderatoren. Und stellte Erschreckendes fest: „80 Prozent der Moderatoren werden regelmäßig von Stalkern belästigt“, sagt Hoffmann. Der rasche Fortschritt der Technik wie Internet und Handy habe das Problem verstärkt und beschleunigt. In einem Fall kam es sogar zu einem bewaffneten Überfall, zwei Moderatoren wechselten wegen der Stalker ihren Wohnsitz. Warum ausgerechnet TV-Moderatoren besonders stark betroffen seien, kann Hoffmann nur vermuten. „Bei ihren Sendungen lächeln sie stets freundlich, sind zu festen Zeit auf dem Bildschirm präsent, aber gleichzeitig oft keine ,Übermenschen’“, erklärt der Psychologe.
Lange Zeit galt Stalken als rein amerikanisches Phänomen. Schon 1980 begann die Unsitte der Psycho-Fans, als der US-Amerikaner Mark Chapman in Manhattan John Lennon ermordete. „In Hollywood, einer Stadt mit geballter Promi-Präsenz, ist Stalking besonders weit verbreitet“, sagt Jens Hoffmann. Inzwischen berät und unterstützt der Psychologe eine ganze Reihe prominenter Opfer. Sein wichtigster Rat: Auf keinen Fall auf die Kontaktaufnahme reagieren, keine Briefe oder E-Mails beantworten und möglichst wenig aus dem Privatleben in die Öffentlichkeit tragen, zum Beispiel Lieblingsrestaurants oder Urlaubsorte. „Wer eher kühl auf diese Fans reagiert, hat seltener Probleme mit Stalken“, ist seine Erfahrung.
Diese Menschen wollen Aufmerksamkeit, Teilhaben am Ruhm der Promis, die man ihnen auf keinen Fall geben dürfe. Seit einigen Jahren beobachtet der Darmstädter Wissenschaftler immer häufiger Stalking im privaten Bereich außerhalb der glamourösen Starwelt. „In 95 Prozent der Fälle kannten sich Opfer und Täter“, erklärt Hoffmann. Bei etwa der Hälfte der Fälle war es der Ex-Partner. Der Grund: Oft fehlt es den Betroffenen an Stärke, dem Ex-Partner eine klare Abfuhr zu erteilen. Frauen sind häufiger Opfer von Stalking als Männer. Die Täter sind im Schnitt zwischen 30 und 40 Jahre alt, ledig und überproportional oft arbeitslos. Doch dumm sind diese Stalker keinesfalls: Mehr als die Hälfte verfügt über Abitur oder sogar Studium; sie kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Im Schnitt dauern die Belästigungen 28 Monate. In dieser Zeit ziehen sich Opfer meist in ihre vier Wände zurück und ändern ihren Tagesablauf aus Angst vor dem Verfolger.
Doch nicht nur für die Opfer stellt Stalking ein einschneidendes Erlebnis dar. Auch die Täter berichten von Depressionen, Schlafstörungen oder Angst, sagt Psychologe Jens Hoffmann. Mehr als jeder Dritte Täter musste sich psychologisch behandeln lassen, um das Problem in den Griff zu bekommen. „Die Täter berichten häufig von einem kühlen Elternhaus, bei dem die herzliche Rückmeldung fehlte“, erklärt der Psychologe. Reagiert der Partner nun ebenfalls mit Ablehnung und Trennung, entsteht ein Hass-Gefühl, das in Stalking endet.
Hilfe bei der Polizei suchen die verfolgten Opfer meist vergeblich. „Die Polizei ist oft schlichtweg überfordert“, weiß der Stalking-Experte. Einige Polizisten bagatellisierten die Fälle („Freuen Sie sich doch über den Verehrer“), andere taten es als Privatsache ab („Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“). Oder es wird ihnen achselzuckend empfohlen umzuziehen. Endlich hat die Politik das Problem erkannt: Im Bundesrat wird zur Zeit ein Gesetz besprochen, nach dem der Psychoterror als Gewaltverbrechen gelten soll und mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden kann.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum








