Saarbrücker Tatort "Hilflos": Wenn Opfer zu Tätern werden
VON CAROLA SIEDENTOP - zuletzt aktualisiert: 25.01.2010 - 10:46Düsseldorf (RPO). Die ganze Zeit wurden sie misshandelt. Wegen Allem. Und von Allen. Tobias (Sergej Moya) nuschelt die Worte durch seine Zahnspange. Ansonsten schweigt der Jugendliche mit den fettigen Haaren und dem verhuschten Blick. Doch dahinter steht eine Tragödie. „Hilflos“ heißt der Saarbrücker Tatort, der eine verstörende Geschichte erzählt.
David (Volker Sträßer) ist tot. Er liegt zusammengeschlagen auf dem Asphalt eines alten Parkhauses. Er war ein Außenseiter in seiner Klasse, genauso wie sein bester Freund Tobias. Der hat die Leiche gefunden. Doch der Schüler einer Gesamtschule ist als Zeuge kaum zu gebrauchen. Er wirkt unheimlich, dieser hochgewachsene Junge mit dem Ausschlag im Gesicht und dem schäbigen Wollmantel. Kaum ein Wort kommt über seine Lippen, dafür oft ein schiefes Grinsen.
Kommissar Franz Kappl (Maximilian Brückner) zweifelt an der Geschichte, dass es eine ganze Klasse brutal auf die zwei Sonderlinge abgesehen hat. Er glaubt, dass Tobias der Mörder ist. Sein Kollege Stefan Deininger (Gregor Weber) hingegen kann sich in den gemobbten Jungen hineinversetzen. Doch Gefühle zeigt Tobias weder beim bösen Bullen, noch beim guten. Wie es in dem Schüler aussieht, wird spätesten klar, als er sich während des Verhörs eine Zigarette auf der Hand ausdrückt.
Der Tatort macht es dem Zuschauer nicht leicht, Position zu beziehen. Tobias, großartig gespielt von Sergej Moya, ist nicht der Typ Außenseiter, mit dem man nur Mitleid hat. Er wirkt bedrohlich, als er seinen Klassenkameraden Jonathan (Florian Bartholomäi) besucht, der mit seiner Mutter in einer noblen, fast klinisch aussehenden Villa wohnt. Hier ist er der Eindringling, ein Erpresser, der den beliebten und coolen Klassensprecher Jonathan drangsaliert. Täter- und Opferrollen lassen sich schließlich nicht mehr bestimmen.
Am Ende bleiben nur Opfer. Jonathan, einst Anführer des Mobs, der es nicht ertragen konnte, selbst erniedrigt zu werden. Er brachte David dafür um. Tobias, der gebrochene junge Mann, der den Tod seines Freundes tatenlos filmte. Er setzte den Täter Jonathan damit unter Druck. Plötzlich hatte er selbst Macht. Doch aus seiner Haut konnte Tobias nicht. Er brachte sich um. Zurück bleibt ein erschütterter Kommissar Kappl.
Der Tatort „Hilflos“ nach dem Drehbuch von Stefan Schaller und Sabine Radebold (Regie: Hannu Salonen) hebt die beiden Saarbrücker Kommissare aus der Kategorie „jung, sympathisch, unterhaltsam“ eine Etage höher: Er greift ein schwieriges gesellschaftliches Problem auf, ohne plakativ zu sein. Dieser Tatort hinterlässt beim Zuschauer dank toller Darsteller und starkem Drehbuch nachhaltig Eindruck.
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