Debatte über TV-Qualität: Wie schlecht ist unser Fernsehen?
VON MARTINA STÖCKER - zuletzt aktualisiert: 14.10.2008 - 15:30Düsseldorf (RP). Nachdem Marcel Reich-Ranicki die Fernsehpreis-Ehrung abgelehnt hat, wird die Programm-Qualität diskutiert. Private machen mit Billig-Shows Quote, Arte hat kaum Zuschauer. Wer meckert, müsse sein Seh-Verhalten hinterfragen, sagt der Direktor des Grimme-Instituts, Uwe Kammann.
Die Qualität von Fernsehen wird immer besser – mit Flachbildschirmen und hoch auflösendem HDTV. Doch was ist damit zu sehen?
„Hirnlose Scheiße“, findet zumindest Elke Heidenreich. Das schrieb die Schriftstellerin und Moderatorin („Lesen“, ZDF) in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und beschied: „Man schämt sich, in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten.“ Mit diesen drastischen Worten sprang sie Literaturkritik-Kollegen Marcel Reich-Ranicki zur Seite, der bei der Verleihung des „Deutschen Fernsehpreises“ den Ehrenpreis für sein Lebenswerk ablehnte – wegen des Niveaus der ausgezeichneten Sendungen.
Ist das Fernsehen nun so schlecht, wie es nach diesem Eklat zu vermuten ist? Nein, entgegnet Uwe Kammann, Direktor des Adolf-Grimme-Instituts, das jedes Jahr Qualitätsfernsehen auszeichnet. „Man darf nicht pauschal urteilen.“ Auch auf dem Büchermarkt gibt es viel Schund, auch im Kino läuft viel Mist.
Aber das Fernsehen – mit einer Zwangsabgabe, den GEZ-Gebühren, belegt – ist neben dem Radio das einzige Medium, das für alle frei empfangbar ist und somit in seiner Gänze bewertbar scheint. „Es gibt mittlerweile 35 Kanäle, die Tag und Nacht senden“, sagt Kammann, „vor lauter Wald sieht der Zuschauer die Bäume nicht mehr.“
Und die gibt es ja durchaus, die schönen Gewächse in all dem Unterholz, was sich Programm nennt. Der nun ausgezeichnete Film „Contergan“ zum Beispiel, die Doku „Das Schweigen der Quandts“ oder die Reportage „Alt sein auf Probe – ein Neu-Rentner auf Entdeckungsreise“. Das Problem nur dabei: Die Öffentlich-Rechtlichen sind nicht mutig genug, ihre hochwertigen, aber nicht massentauglichen Beiträge zu guten Sendezeiten zu präsentieren.
„Dabei könnten sie es sich dank Gebühren leisten, das zu pflegen“, betont Kammann. „Das Schweigen der Quandts“, eine Aufarbeitung der NS-Verstrickungen der BMW-Dynastie, lief weit nach 23 Uhr – quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Doch ganz viele andere Sendungen im Fernsehwald sind nur Bodendecker. Jeder Zoo-Bewohner zwischen Hamburg und Nürnberg wird zum Tierarzt begleitet, nachmittags suchen Mütter für ihre Babys den Erzeuger („so fünf tun in Frage kommen“), dazwischen gibt’s Lebenshilfe in allen Varianten: für renitente Teenager, verschuldete Lkw-Fahrer, Menschen ohne Gespür für Inneneinrichtung.
Und wie immer tun sich die Deutschen schwer mit der Unterhaltung. Die Nominierten in der Fernsehpreis-Kategorie „Beste Show“ waren der x-te Aufguss von „Deutschland sucht den Superstar“ und „Germany’s Next Topmodel“. Hauptsache, es wird gecastet, geträllert, gelaufen, geurteilt und gelästert. Und vielleicht sind nächstes Jahr in der Sparte „Die peinlichsten Promis“ die Effenbergs preiswürdig, die in einem RTL-Vierteiler ein Haus suchen. Oder Brigitte Nielsen, die sich bei Schönheits-OPs filmen ließ. In der Rubrik „Beste Kochshow“ wurde im vergangenen Jahr schließlich auch ein Preis vergeben.
Insbesondere von den Öffentlich-Rechtlichen wird erwartet, dass sie ihren Bildungs- und Kulturauftrag wahrnehmen. Doch was ist das? Fünf schwarze Rollkragenpulli-Träger auf silbernen Drehstühlen, die eine Stunde lang über die Wiedergeburt des mongolischen Films diskutieren? Wohl kaum. Aber auch nicht eine Seifen-Oper, umrahmt von zwei Telenovelas.
Marcel Reich-Ranicki glaubt nicht, dass die nun geführte Diskussion eine Änderung bewirkt und das Publikum endlich das bekommt, was es verdient – ein anspruchsvolles Programm. Und das, welches es schon schauen könnte, nämlich Arte, erreicht einen Anteil von 0,6 Prozent Marktanteil. „Jeder, der ein besseres Programm fordert, muss sich in seinem eigenen TV-Verhalten überprüfen“, betont Kammann. Warum sonst erreichen die Privaten mit seltsamen Formaten, in denen Menschen vorgeführt werden, ein Millionenpublikum?
Der US-amerikanische Kommunikationsforscher Paul M. Hirsch unterscheidet die TV-Konsumenten in drei Gruppen: Die eher passiven Zuschauer, die gleichgültig fern sehen – egal was läuft. Die Zuschauer, die das geringste Übel wählen. Und diejenigen, die nur den Fernseher einschalten, um ein bestimmtes Programm zu sehen. Jeder müsse mehr auswählen und sich über gute Angebote informieren, fordert Kammann.
Aber wie soll das gehen? Für die eine oder zwei Stunden Zerstreuung vor dem Zubettgehen soll man im Internet surfen, in Zeitschriften blättern und Bewertungen studieren. Man will ja schließlich nur fernsehen und keine Waschmaschine kaufen. Wäre in anderen Lebensbereichen so wenig Qualität vorhanden, gäbe es wohl längst eine Regierungskommission.
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