Historische Literaturverfilmung: ZDF-Dreiteiler mit viel Gefühl: "Die Kirschenkönigin"
VON ANKE KRONEMEYER - zuletzt aktualisiert: 12.11.2004 - 17:41Düsseldorf (RP). Es ist Wehmut, die einen beim Zusehen beschleicht, man hat ständig einen Kloß im Hals: Das allein ist schon ein gutes Zeichen und ein Kompliment an die Filmemacher, dass sie solche Gefühle hervorrufen können. Der Dreiteiler „Die Kirschenkönigin” ist eine historische Literaturverfilmung auf Grundlage des Buches „Schattenmorellen” von Justus Pfaue. Nachdem der Film bereits bei Arte ausgestrahlt wurde, ist er in der nächsten Woche ab Montag an drei Abenden im ZDF zu sehen.
Erzählt wird die gefühlvolle Geschichte einer engagierten, halbwegs unpolitischen Jüdin, die in den Strudel der NS-Politik gerät. Im Mittelpunkt steht Ruth Goldstein, die in den ersten, unbeschwerten Szenen zunächst als naturliebender Teenager auftritt. Ruths Vater ist ein anfangs noch vermögender jüdischer Bankier, der seine drei Töchter alleine groß ziehen muss. Er sei ein dreifacher triebhafter Witwer, wird ironisch erklärt.
Für Ruth (Johanna Wokalek) gibt es nur einen Weg: Sie will in der Natur und in der Landwirtschaft arbeiten. Sie lernt 1913 den jungen Baron Albert von Roll kennen, die beiden heiraten. Das Schicksal schlägt bald zu: Kurz vor der Geburt von Tochter Elisabeth verunglückt der Baron. Ruth widmet ihre gesamte Zeit und Leidenschaft der Zucht von Kirschen. Sie wird reich, legt ihr Geld an, ist aber auch als Wohltäterin im kargen Ort Bleichrode im Harz angesehen. Bis sich die Gesinnung der Nationalsozialisten in allen Köpfen breit macht, bis selbst die gütige, aber eben jüdische Ruth ebenfalls missachtet wird.
Sie will aber nicht aus Deutschland fliehen, sondern versteckt sich mit ihrer Tochter vor den Verfolgungen und Angriffen. Der Film erzählt in wunderschönen Bildern die Familiensaga, den Aufbau der Kirschzucht, die neue Liebe zwischen Ruth und dem Verwalter-Sohn Siegfried, dem Großwerden ihrer Tochter und all ihren Freunden auf dem Hof, die sie so verehren und schätzen.
Pathos-freie Film-Minuten
Zwar lassen die Filmemacher die Schauspielerin Johanna Wokalek nicht altern, gleichwohl aber gelingt ihr die Darstellung der älteren Ruth auch ohne aufgeschminkte Altersfalten. Denn es ist exakt die Kunst von Johanna Wokalek, die diesen Film so sehenswert macht ohne die Besetzung der anderen Rollen zu vernachlässigen: August Zirner als ihr Vater, Richy Müller als Verwalter, Jürgen Tarrach zunächst als Hofschlachter, später als fast gesinnungstreuer, trotzdem loyaler Bürgermeister, aber auch Jürgen Vogel als SS-Obersturmbannführer Stöcker zeigen beachtliche Leistungen. (Warum er mit Glatze auftritt und eher wie ein Skinhead aussieht, erschließt sich aber trotzdem nicht.)
Die drei mal pathos-freie 90 Film-Minuten werden einem nicht zu lang: Immer wieder wird man mit neuen Situationen in den Lebensläufen, mit neuen Gefühlen konfrontiert. Natürlich erzählt die Trilogie das Frauenschicksal einer Jüdin zu Zeiten der Nationalsozialismus, natürlich ist der Film politisch. Rainer Kaufmann (Regie) und Klaus Eichhammer (Kamera) erzählen das Leben der jungen Baronin aber so eindringlich, dass nicht die uniformierten Nazis die Hauptrolle spielen, sondern die Baronin Ruth von Roll, geborene Goldstein.
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