Berlin (RP). Er war nicht rührselig und rührte die Zuschauer darum umso mehr: Bei der Verleihung der Goldenen Kamera nahm Entertainer Rudi Carrell, vom Lungenkrebs gezeichnet, seine schwere Krankheit zum Anlass für viele Pointen.
Rudi Carell starb mit 71 Jahren. Foto: ddp
Als am 30. Dezember 2005 die letzte Ausgabe der RTL-Show „7 Tage - 7 Köpfe“ über den Sender gegangen war, gab es anschließend nur ein Thema: den Auftritt Rudi Carrells. Erst ganz am Ende hatte der Erfinder und Produzent der einst so erfolgreichen Sendung die Bühne betreten und kommentarlos an einer Schnur gezogen, worauf sich ein Glas Wasser über Harald Schmidts Hose ergoss. Das Publikum johlte vor Vergnügen, stellte sich aber auch die Frage: War dieser stumme Gruß des TV-Stars seiner Vorliebe für lakonischen Humor geschuldet oder hatte ihm seine schwere Krebserkrankung das Sprechvermögen geraubt?
Als Carrell am Donnerstagabend in Berlin bei der Verleihung der „Goldenen Kamera“ das Wort ergriff, wurde rasch deutlich, dass öffentliche Auftritte für ihn eine Tortur sein müssen. Seine Stimme klingt hoch und zerbrechlich, er flüstert. Doch wenn jemand eine Auszeichnung für sein Lebenswerk erhält, erwartet die Öffentlichkeit nun einmal ein paar Dankesworte. Carrell, der lang gediente Showsoldat, weiß das. Und was er seinem Publikum zu sagen hatte, machte aus einer gut zwei Stunden lang zähen Angelegenheit eine Show, über die man noch immer spricht.
„Die Tatsache, dass ich hier heute Abend den Ehrenpreis in Empfang nehmen kann, verdanke ich in allererster Linie meiner Krankenversicherung, dem Klinikum Bremen-Ost und der deutschen Pharmaindustrie“, erklärte Carrell freundlich. Als er kurz nach seinem Lob für die ausgeprägte Holländerfreundlichkeit in Berlin einen Stuhl erbat, flog ihm prompt einer um die Ohren. Und er war der einzige, der Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner mit einem kleinen Scherz über die gescheiterte Übernahme von ProSiebenSat.1 beglückte. Vieles, was Carrell sagte, klang nach Abschied. Und weil er dabei nicht rührselig wurde, rührte er seine Zuschauer umso mehr.
Schwarzer Humor und Selbstironie - es gibt kaum probatere Mittel, will man in ernsten Situationen seinen Lebensmut nicht verlieren. In Carrells Rede wurde allerdings auch noch etwas anderes deutlich: Der Mann ist Entertainer durch und durch und weiß, was das Publikum von den Angehörigen dieses Berufsstands erwartet: Komisch sollen sie sein, den belastenden Dingen ihr niederdrückendes Gewicht nehmen. Für offensiv vorgetragenes Selbstmitleid ist da kein Platz. Wohl aber für Pointen. Diese stramme Gesinnung teilt Carrell mit vielen anderen Großen des Showgeschäfts, so etwa mit Stan Laurel.
Als der berühmte Komiker schon schwer krank war und die Ärzte mit seinem baldigen Tod rechneten, überraschte er seine Krankenschwester mit folgender Mitteilung: „Ich würde jetzt gerne Ski fahren.“ „Fahren Sie denn gerne Ski, Mr. Laurel?“, erkundigte sich die Dame. „Nein, ich hasse es“, erwiderte der Mann, der als intellektuell limitierte Hälfte des Duos „Dick und Doof“ zum Weltstar geworden war. „Aber ich würde lieber Ski fahren, als jetzt zu sterben.“
Rudi Carrell selbst sprach davon, dass dies möglicherweise sein letzter Auftritt im Fernsehen gewesen sei. Bei so einem Satz stockt einem der Atem - normalerweise. Doch natürlich ließ es sich der holländische Entertainer nicht nehmen, auch darauf noch eine Pointe zu satteln. Normalerweise bekämen Altstars ja noch einmal die Möglichkeit, in großen Filmen mitzuspielen, führte er aus. Er selbst habe sich für die Hauptrolle in „Der Untergang“ beworben, sei aber nicht genommen worden: Die Verantwortlichen hätten wohl zu viel Angst gehabt, sein Akzent könne die Zuschauer irritieren.
Seine größten Erfolge Rudi Carrell wurde 1934 in Alkmaar geboren. Die Entertainerqualitäten wurden ihm in die Wiege gelegt: Sowohl sein Großvater als auch sein Vater waren im Showgeschäft tätig. Zu seinen größten Erfolgen zählen die „Die Rudi Carrell Show“, „Am Laufenden Band“, „Die verflixte Sieben“, „Herzblatt“ und „Rudis Tagesshow“. Mitte der 90er erfand er „7 Tage - 7 Köpfe“ (RTL).
Quelle:
Rheinische Post