Kult-Figur der 80er Jahre: Der Hehn im Korb
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 31.08.2009 - 10:37Düsseldorf (RP). Niemand verkörpert die 80er Jahre so gut wie Sascha Hehn. Der Schauspieler wurde in den Serien „Schwarzwaldklinik“ und „Traumschiff“ berühmt. Meist spielt er den jungen Schönling, der im Golf-Cabrio den schönen Frauen nachstellte. Und das sehr erfolgreich. Aber die Dinge ändern sich. Heute engagiert sich der 54-Jährige für den Umweltschutz.
Wenn er sich in sein Cabrio schwang, gut gebräunt auf die cremefarbenen Ledersitze, dachte man an eine Amarena-Kirsche, die auf ein Softeis fällt. Er war Viktor, der Chefsteward. Udo, der Chirurgensohn. Und der Wind von München, der in dieser Zeit die Hedonisten, Draufgänger und Stenze besonders gern hatte, fuhr ihm zärtlich durchs mittellange Haar. Über seinen Schultern lag ein pastelliger Cashmere-Pullover, die Ärmel drückten verknotet gegen seine Brust. Er sagte solche Sätze: „Ich lebe mein Leben für mich und nicht für die anderen.“ Und solche: „Meine erste Frau hatte ich mit 14, und sie war 38.“ Dabei funkelten seine Augen, irgendwas war in der Luft, so was Elektrisches.
Der Trick mit den Frauen
Und wenn er eine Frau betört hatte in seinen Filmen und vielleicht auch im echten Leben, wenn sie sich nicht mehr wehren mochte, es aber doch tat, weil man das als Frau so macht, dann legte er einen Zeigefinger an ihre in höchster Bereitschaft aufgeworfenen Lippen, ganz sanft natürlich, machte „Schschsch“ und versiegelte ihren Mund mit dem seinen. Das war Sascha Hehn. Softeis. Kirsche. 80er Jahre.
Es gibt keine andere deutsche Stadt, die besser verkörpern könnte, was die 80er Jahre ausmacht, als München. Und es gibt für denselben Zweck keine geeignetere Persönlichkeit als Sascha Hehn. „Kir Royal“, offenes Seidenhemd, Bussi-Bussi-Prosecco, barfuß in weißen Slippern, „Café Extrablatt“. Hier lebte der Schauspieler aus der „Schwarzwaldklinik“ und dem „Traumschiff“, in einer weiß eingerichteten Wohnung mit Marilyn-Monroe-Poster, die man - so erfuhren zwei Reporterinnen des „Stern“ im Jahr 1986 - nur auf Socken betreten durfte, damit der Teppich unbefleckt bleibe wie eine Lilie vor Verlust der Unschuld.
Vielleicht hat er gelächelt, als er die Journalistinnen bat, die Schuhe auszuziehen und ihnen sein Schlafzimmer zeigte, in das er verspiegelte Nachtschränkchen gestellt hatte. Seine Nüstern blähten sich, an den Mundwinkeln entstanden Grübchen, und unter den Augen kitzelten die Fältchen. Ein Gesichtsausdruck, der vertont klingen würde wie ein Lied von Julio Iglesias.
Er vediente Geld mit Nackedei-Filmen
Er öffnete vielen Leuten die Tür, den Kumpels, mit denen er zwei Mal im Monat zum Nürburgring fuhr, um seine Autos auszuprobieren, den Ferrari, den Mercedes. Auch ein Redakteur der Lottozeitschrift „Glück“ klingelte. Ihm erzählte er von dem Gewinn im Mittwochslotto: 34000 Mark. Das reichte für eine Kiste Schampus und einen gebrauchten Porsche 911. So ging es zu in München, so schnell.
Sascha Hehn ist der Sohn des Schauspielers Albert Hehn, der in Filmen mitspielte, die „Rommel ruft Kairo“ heißen und „Stern von Afrika“. Seine Mutter war Regieassistentin. Mit fünf machte er erstmals in einer Kinoproduktion mit, „Hubertusjagd“, 1959 war das. Als er nach der Trennung der Eltern allein mit der Mutter lebte, verdiente er Geld dazu, mit Nackedei-Filmen, „Mädchen mögen’s heiß, Hausfrauen noch heißer“, Hehn hat Mittlere Reife.
"Wird schon"
Er konnte in seinen Rollen wissend lächeln, wenn andere mit ihren Problemen zu ihm kamen. „Wird schon“, hieß das. Meist wurde es dann tatsächlich. Und er konnte ein Junge sein, naiv, unbedarft, verantwortungslos. Aber weil er im Grunde ein feiner Typ war, verzieh man ihm den Leichtsinn. Zwischen 1982, dem Beginn seines Engagements als Erster Offizier auf der MS Astor, und 1989, dem letzten Auftritt als Brinkmann junior aus dem Glottertal, war er auf dem Höhepunkt. Danach ging das Jahrzehnt zu Ende, München versank in der Bedeutungslosigkeit, und Sascha Hehn zog bald aufs Land. In ein Blockhaus in der Nähe eines bayerischen 1000-Seelen-Dorfes am Inn.
Dort lebt er mit einer 27 Jahre jüngeren Frau, sie studiert Mathematik und Psychologie in München, schaut wochenends vorbei. Sie fahren zum Angeln oder zum Golfen bei einem Charity-Turnier oder an einen Bach, den sie renaturieren. Mit seinen 54 Jahren engagiert sich Hehn als Umweltschützer: „Ich muss nicht jeden Tag duschen. Dabei kann man eine Menge Wasser sparen.“ Er sieht eigentlich immer noch aus wie früher, besser sogar, härter, kantiger. Die Haare trägt er kurz, das ist praktisch. Er hat keine Agentur mehr, Presseanfragen möge man an die Vorsitzende seines Fanclubs richten, heißt es, und wenn man das tut, werden sie dort ausgesessen. Sascha Hehn möchte seine Ruhe haben.
Reich sei er nicht, betont er stets, für 13 Folgen „Schwarzwaldklinik“ und ein Jahr Drehzeit habe er 100000 Mark bekommen, das reicht nicht ewig. Ab und an übernimmt er deshalb Rollen im TV, in „Musikhotel am Wolfgangsee“ und „Der Erbhof - Im Tal des Schweigens“. Und wenn er über früher spricht, über die Zeit in München, das schnelle Leben, dann wie jüngst in der „Bunten“: „Ich war zweimal beim Idiotentest wegen so blödsinniger Dinge wie telefonierenderweise rechts über den Feuerwehrstreifen, drängeln auf der Autobahn, zu hohes Tempo. Heute habe ich null Punkte in Flensburg.“
Er rast nun nicht mehr. Er fährt das VW-Reisemobil „California“, wie man auf der Internet-Seite auto-gebrauchtwagen.de lesen kann. Darin gibt es eine Küchenzeile. Und im ausfahrbaren Dach ein Bett.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum








