Thomas Gottschalk hat Geburtstag: Der Samstagabend-König wird 60
VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 18.05.2010 - 07:22München (RP). Seinem Haus-Sender ZDF hat der König der Fernsehunterhaltung jede Geburtstagsshow untersagt. 60 Jahre, ließ Thomas Johannes Gottschalk wissen, seien kein Anlass. Das ist in Wahrheit nicht bescheiden, sondern schlau: Wer aus der überschaubaren deutschen Moderatoren- Riege von einigem Rang sollte ihn, Gottschalk, den König der deutschen Fernsehunterhaltung, denn auch gebührend feiern?
Dies könnte nur Gottschalk, und der wird es auch tun – aber nicht an seinem Geburtstag am Dienstag, sondern mit der Mallorca-Ausgabe von „Wetten dass...?“ am Pfingstsonntag. Keiner im deutschen Fernsehen ist größer als Gottschalk. Keinem anderen gelingt es verlässlich, bis zu zehn Millionen Menschen aller Generationen zu einer Unterhaltungssendung vor den Empfangsgeräten zu versammeln.
Seit Thomas Gottschalk beim Bayerischen Rundfunk 1976 das erste Mal ein Mikrofon in die Hand bekam, lebt er von zwei großen Gaben: Seinem fast körperlichen Unvermögen, Gäste kritisch anzugehen oder sie gar absichtlich vorzuführen, und seinem unstillbaren Bedürfnis, allem etwas Positives abzugewinnen. „Ich gehe auch zu einer Beerdigung mit dem Gefühl: Vielleicht kann ich trösten oder helfen“, verriet er einmal Reinhold Beckmann im Interview.
Keine Vorbilder für die Marke "Gottschalk"
Als Thomas Gottschalk anfing, die Marke „Thomas Gottschalk“ zu werden, gab es dafür keine Vorbilder. Selbst der ihm wenig zugetane „Stern“ räumte vor zehn Jahren ein: „Er lüftete das muffige deutsche Fernsehen durch, brachte die Lockerheit auf den Bildschirm. Eine historische Leistung.“ Gottschalk wusste, dass das funktionieren würde. Beim Bayerischen Rundfunk hatte das Kind oberschlesischer Flüchtlinge als Radiomoderator gelernt, sich auf seine Schlagfertigkeit zu verlassen. In den Radio- Sendungen „Pop nach acht“ und später der „B3-Radioshow“ mit Günther Jauch erlangte er Kultstatus.
Die Mutter hätte ihn gern als Priester gesehen, der Sohn feierte lieber Hochämter der Unterhaltung: Pointe auf Pointe, für damalige Verhältnisse durchaus frech, und vor allem extrem lässig. Auf einen wie ihn hatte das Publikum gewartet: Als Gottschalk von 1982 an fünf Jahre die ZDF-Sendung „Na sowas!“ (Goldene Kamera 1986) moderierte, ging eine Schockwelle durch die Mainzer Senderflure. Da redete mal einer ganz normal, klügelte nicht herum, sondern machte respektlose, aber harmlose Späße. Dazu trug er ein Micky- Maus-T-Shirt über der Jeans, manchmal kam er auch in kurzen Hosen und Schlappen.
Das Publikum nahm ihm nichts krumm
Gottschalk war, was sich die aufkeimende Spaßgesellschaft der 80er Jahre am sehnlichsten wünschte: einfach ein bisschen lockerer. Sein Publikum nahm ihm fast nichts krumm. Weder seine unglaublich schlechten Kino-Filme mit Mike Krüger noch seine bisweilen selbstgesprächsartigen Interviews mit Studiogästen, nicht einmal seinen Umzug nach Malibu; seit einigen Jahren residiert er zeitweise in einem Schloss bei Remagen am Rhein.
Dass Gottschalk sich im Laufe der Jahre eine absonderliche Arbeitsgarderobe zugelegt hat, ist keine modische Schrulle. Es ist schlicht professionell, so wie es die großkarierten Sakkos Peter Frankenfelds waren und die Angewohnheit von Hans-Joachim Kulenkampff, sich während der Sendung eines Butlers zu bedie-nen. Karl Lagerfeld bescheinigte Gottschalk jüngst, mit seinem Kleidungsstil absolute Individualität zu verkörpern – auf dem Niveau von Zarah Leander. Worin zumindest die Wahrheit steckt: Gottschalk ist eine Diva.
Gottschalk als Diva?
1992 führte ihn ein Höhenflug in die Irre: Nach 36 Folgen „Wetten dass...?“ gab er die Show an Wolfgang Lippert ab, verstieg sich als Late-Night-Talker bei RTL und scheiterte in großer Peinlichkeit. Politisch problematischen Gästen war er hilflos ausgeliefert. 1994 kehrte Gottschalk zum ZDF zurück und rettete „Wetten dass...?“ ebenso wie seinen eigenen Ruf, indem er sich wieder auf das verließ, was er schon immer am besten konnte: Menschen unterhalten, und das auf lausbübische Art und Weise.
An seiner speziellen Art der Gäste-Behandlung arbeiten sich Kritiker vergebens ab, seit Gottschalk 1987 das „Wetten dass...?“-Format von seinem Förderer und Vorgänger Frank Elstner übernahm. Sie erfanden für seine Neigung, an weiblichen Gästen unter allen erdenklichen Vorwänden herumzufummeln, eigens den Begriff des „Fremdschämens“.
Die Wahrnehmung seiner Gäste ist eine völlig andere: In keine deutsche Unterhaltungssendung kommen Weltstars so gerne wie in seine – und kein deutscher Showmaster geht mit Weltstars annähernd so selbstverständlich um, wie Gottschalk das tut. Und es ist im deutschen Fernsehen niemand in Sicht, der das auch nur entfernt so gut könnte wie er. Mit 60 denkt Gottschalk an alles Mögliche, aber sicher nicht ans Aufhören. Beim ZDF ist er aktuell bis 2012 unter Vertrag, aber danach wird er „Wetten dass...?“ nicht abgeben: „Es wäre Blödsinn, diese Sendung abzugeben, bevor ich damit fertig bin“, ließ er verlauten. Und bislang hat der Mann noch jede Sendung überzogen.
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