Biografie von Inge Meysel: Die "Mutter der Nation" lebt nicht mehr
zuletzt aktualisiert: 10.07.2004 - 15:24Berlin (rpo). Die "Mutter der Nation", Inge Meysel, war eine der beliebtesten Volksschauspielerinnen im deutschen Fernsehen. Sie galt als durchsetzungsstark und sagte gerne öffentlich die eigene Meinung.
Das deutsche Fernsehen hat seine "Mutter Courage" verloren. Die Schauspielerin Inge Meysel starb am Samstag im Alter von 94 Jahren in ihrer Villa bei Hamburg. Meysel erlitt einen Herzstillstand.
Inge Meysel wurde am 30. Mai 1910 in Berlin als Tochter einer Dänin und eines jüdischen Tabakwarengrossisten geboren. Ihre Eltern hatten sich eigentlich einen Jungen gewünscht, und so sei sie ihr "Leben lang ein Sohn" gewesen, schrieb die resolute Schauspielerin in ihrer Autobiografie. Schon früh hatte die junge Meysel ihren eigenen Kopf. Sie besuchte gegen den Willen ihrer Eltern eine Schauspielschule und debütierte 1930 auf der Bühne. 1933 wurden ihr als Halbjüdin jedoch jegliche Auftritte verboten. Erst 1945 betrat sie erneut die Bühne und avancierte trotz des späten zweiten Starts zur beliebtesten Schauspielerin des bundesdeutschen Nachkriegszeit.
Ihren großen Durchbruch hatte Meysel als Mutter Käthe Scholz in der Familienserie "Die Unverbesserlichen", die von 1965 bis 1971 jährlich zum Muttertag ausgestrahlt wurde. Fortan galt sie als Fernsehmutter der Nation - ein Klischee, das die zweimal verheiratete und gewollt kinderlose Darstellerin zeitlebens bekämpfte, dem sie aber trotz anders angelegter Rollen nie ganz entkam. Dabei war Meysel nach eigenen Bekunden alles andere als mütterlich.
Sie war eine resolute, engagierte und streitbare Frau. Schon früh spielte die Schauspielerin auch eine öffentliche, eine politische Rolle. In der Auseinandersetzung um den Paragraphen 218 bekannte sie sich dazu, abgetrieben zu haben. 1978 klagte sie gemeinsam mit der Feministin Alice Schwarzer gegen das Magazin "Stern" wegen sexistischer Darstellungen auf dessen Titelblättern. In jüngster Zeit machte sie Werbung für die "Gesellschaft für humanes Sterben" und bekannte sich dazu, bisexuell zu sein. Schließlich habe man nur ein Leben und müsse alles ausprobieren. Frechheit sei ihre einzige Rettung vor Respektlosigkeit, sagte Meysel einmal. Zurückhaltung und leise Töne lagen ihr nicht.
Die kämpferische Darstellerin wurde für ihre Arbeit mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Fünf goldene Bambis, die Goldene Kamera und der Ehrenpreis des Deutschen Fernsehpreises sowie die Hamburger-Medaille für Kunst und Wissenschaft und die Ernst-Reuter-Plakette ihrer Heimatstadt Berlin nahm sie im Laufe ihres Lebens entgegen. Das Bundesverdienstkreuz lehnte sie 1981 jedoch mit der Begründung ab, es sei keinen Orden wert, dass jemand "sein Leben anständig gelebt hat".
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