Michelle Obama: Die unterforderte First Lady
VON FRANK HERRMANN - zuletzt aktualisiert: 20.09.2010 - 12:59Washington (RP). Als hoch qualifizierte Absolventin der Universitäten Princeton und Harvard hält Michelle Obama sich als Präsidenten-Gattin nun im Hintergrund. Sie muss sich anpassen, ja mitunter verleugnen, nur um der Tradition Genüge zu tun. Carla Bruni-Sarkozy soll sie berichtet haben: "Es ist die Hölle."
Im Küchenkabinett des US-amerikanischen Präsidenten wird Michelle Obama bisweilen "Supreme Leader" genannt. Eigentlich führt das geistliche Oberhaupt des Gottesstaates Iran diesen Titel, doch der ironiebegabte Strategieberater David Axelrod hat ihn in kleiner Runde für die First Lady reserviert.
Sobald sie sich in eine Debatte einschaltet, schildert Axelrod, bestimmt sie das Gespräch. Dann hören die anderen zu, keineswegs nur aus Höflichkeit. Dann spricht eine kluge Frau, die an den Eliteschmieden Princeton und Harvard studierte und jede Menge Berufserfahrung vorweisen kann, bei einer renommierten Anwaltskanzlei, der Stadtverwaltung Chicagos, in der Chefetage eines Krankenhauses.
"Amerikas nächstes Topmodel"
Seit sie im Weißen Haus residiert, erleben die Amerikaner eine andere Michelle Obama. Eine First Lady, die sich anpassen, ja mitunter verleugnen muss, um der Tradition Genüge zu tun. Präsidentengattinnen dürfen repräsentieren, manchmal dürfen sie auch, wie einst Laura Bush, humorvoll aus dem Nähkästchen plaudern, aber nur kurz. "Neun Uhr abends. Mister Aufregend hier schläft tief und fest", kalauerte die Texanerin auf einer Satire-Party und deutete auf George W. "Und ich gucke mir 'Verzweifelte Hausfrauen' an."
Laura Bushs Nachfolgerin wird von Klatschkolumnisten als "Amerikas nächstes Topmodel" gefeiert, mit ihrer Kampagne "Let's Move" hält sie Schulkinder zum Sporttreiben an. Im Garten erntet sie Mohrrüben, um übergewichtigen Landsleuten Gemüse schmackhaft zu machen. Die First Lady im Kampf gegen überflüssige Pfunde: So zeitgemäß die Rolle ist, eine Frau vom Kaliber Michelles füllt sie nicht aus.
"Klar, Baracks Karriere-Entscheidungen leiten uns. Es sind nicht meine Entscheidungen, das ist offensichtlich", bekannte sie vor Monaten. Anfangs hatte sie noch Gefallen gefunden am Umzug nach Washington, denn endlich kehrte Ruhe ein ins hektische Familienleben. "Das ist seit langem das erste Mal in unserer Ehe, dass wir sieben Tage die Woche unter demselben Dach wohnen." Heute klingt die First Lady weniger zufrieden als im Januar 2009. "Ich habe nun mal keinen anderen Job. Es wäre auch problematisch in dieser Rolle."
Eine unterforderte US-Präsidentengattin, vielleicht liegt es daran, dass sie in einem Buch der Gattin des französischen Staatspräsidenten, Carla Bruni, mit den Worten zitiert wird: "Es ist die Hölle, ich halte es nicht aus". Alle Beteiligten dementierten, der Satz soll so nie gesagt worden sein. Dennoch rührt er einen wunden Punkt.
"Hey, ich darf ins Theater gehen"
Es ist kaum zwei Jahre her, da wurde Michelle vom Obama-Team voller Respekt "the closer" genannt. Es bedeutete, dass sie Zaudernde noch effektiver gewann als ihr Ehemann. Wo sie warb, mit Warmherzigkeit und Reden voller Substanz, waren noch mehr Zuhörer bereit, sich als Helfer in die Listen Obamas eintragen zu lassen, als es beim Kandidaten selbst der Fall war. Heute muss sie so tun, als verfolge sie das politische Tagesgeschehen nur aus der Zuschauerperspektive. An ihren Mann gewandt und vom Oval Office hinterher gezielt gestreut, soll sie gesagt haben: "Hey, ich darf ins Theater gehen, während du dich mit der Gesundheitsreform herumschlagen musst".
Es ist nicht schwer zu verstehen, warum die Spin-Doktoren der Machtzentrale das Image der fürsorgenden, dekorativen, politisch passiven Gattin pflegen. Als sich Hillary Clinton 1993/94 energisch für eine Gesundheitsnovelle einsetzte, schürte sie den Verdacht, sie verstehe sich als eine Art Ko-Präsidentin. Wie kann sich eine First Lady solche Macht anmaßen? Wer hat sie eigentlich gewählt? Ein zweites Mal soll es solche Vorwürfe nicht geben.
Wie sehr es Michelle Obama frustriert, sich verstellen zu müssen, schildert Jonathan Alter, ein genauer Chronist des Weißen Hauses, in "The Promise", einem Buch über die Anfangszeit des neuen Kabinetts. "Sie arbeitet nunmehr im Stillen", schreibt Alter.
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