Nonnen sollen Kinder jahrzehntelang systematisch gequält haben: Ehemalige Heimkinder klagen über Misshandlungen
zuletzt aktualisiert: 28.05.2004 - 14:13Kassel (rpo). In deutschen Heimen sind bis in die Mitte der 80er Jahre hunderte Kinder systematisch misshandelt worden, vor allem von katholischen Nonnen, Priestern und Erziehern. Das sagte der Vorsitzende der "Bundesinteressensgemeinschaft der misshandelten und missbrauchten Heimkinder Deutschlands", Jean-Pierre de Picco, am Freitag.
In 90 Prozent aller Fälle seien die Kinder in katholischen Heimen misshandelt worden. Rund 3.600 Heime habe es in den 50er und 60er Jahren in Deutschland gegeben, sagte er. Bei den Misshandlungen habe es sich nicht um Einzelfälle gehandelt. Viele Betroffene leiden nach seinen Angaben heute noch unter den erlittenen Misshandlungen. Angststörungen, Suchterkrankungen, Albträume und Depressionen seien bei den ehemaligen Heimkindern keine Seltenheit. "Wir fordern eine öffentliche Entschuldigung für das Leid, dass uns in den Heimen angetan worden ist", sagte de Picco.
Am Samstag treffen sich etwa 100 Betroffene zu einem Kongress des Vereins in Kassel. "Wir bauen gerade eine Datenbank mit den Berichten von Betroffenen auf", berichtete de Picco.
"Wir wurden von den Nonnen selbst bei Kleinigkeiten blutig geprügelt und ausgepeitscht", sagte de Picco. Zur Nikolauszeit seien sie mit Dornenstöcken geprügelt worden. Der Künstler und Stadtschreiber in Hameln war von 1963 bis 1972 in Lippstadt in einem katholischen Internat der "Heiligen Hedwigschwestern" untergebracht. Mittlerweile ist das Internat geschlossen. Gefürchtet sei bei den Kindern auch gewesen, über Nacht im Keller bei den "toten Nonnen" eingesperrt zu werden. Dort wurden die verstorbenen Nonnen vor ihrer Bestattung aufgebahrt.
Zwei Jahre Hausarrest
Mädchen, die erstmals ihre Menstruation bekommen hatten, mussten ebenfalls mit Bestrafung rechnen, weil sie "sündig" wurden, berichtete de Picco. Haben Kinder nicht pariert, seien sie in den Heimen an ihre Betten gekettet und mit Medikamenten ruhig gespritzt worden. Lehrer, Jugendämter oder der Vormund hätten über die Misshandlungen geschwiegen. "Heute ist die Situation aber anders, da gibt es in den Heimen viel mehr Kontrollen", sagte de Picco.
Auch die 58-jährige Gila M. aus Paderborn berichtete von schweren Misshandlungen durch Nonnen. Sie war von 1961 bis 1962 im Dortmunder Vincenz-Heim untergebracht. "Ich bin da psychisch fertig gemacht worden", sagte sie. Sie habe als 15-jährige zwei Jahre lang nicht das Haus verlassen dürfen. "Es ging nur um den störungsfreien Arbeitsablauf", sagte Gila M. Sie habe acht bis zehn Stunden täglich in der Wäscherei hinter der Mangel stehen müssen, ohne auch nur mal extra etwas Wasser zu bekommen. "Sprechen war von den Vincenz-Schwestern aus verboten, stattdessen mussten wir ununterbrochen Marienlieder singen", sagte die 58-Jährige. Immer wieder hätten Mädchen Selbstmord begangen.
Es habe zwar auch nette Nonnen und Erzieher gegeben. "Die wurden aber schnell weggemobbt oder versetzt", berichtete sie. Erst heute könnten Betroffene über ihre Heimerfahrung sprechen. "Viele verdrängen das aber immer noch oder haben Angst, dass man ihnen sowieso nicht glaubt", sagte Gila M.
Seit Gründung des Vereins der misshandelten Heimkinder Anfang des Jahres gibt es laut de Picco Hunderte Anfragen Betroffener aus ganz Deutschland und sogar aus den Niederlanden und Spanien. "Uns würde eine öffentliche Entschuldigung der Kirche und der Ordensinstitutionen enorm helfen, die Misshandlung zu verarbeiten", sagte de Picco. Auch eine einmalige Entschädigungszahlung wäre wünschenswert. Bislang habe die Kirche jedoch zu den Vorwürfen geschwiegen.
Vom Caritasverband und der Deutschen Bischofskonferenz war zum Kongress der misshandelten Heimkinder keine Stellungnahme zu erhalten.
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