Die großen Augen sind Ihr Markenzeichen: Fräulein Meluas Gespür für Melodien
VON BARBARA GROFE - zuletzt aktualisiert: 25.11.2006 - 17:03Düsseldorf (RP). Es gibt Musik, die passt in bestimmte Jahreszeiten. Rockmusik geht im Frühling und Sommer, Jazz und Folk im Winter. Hört man Katie Melua im Winter, fühlt sich alles richtig an. Weil ihre Lieder melancholisch sind - aber nicht trübsinnig. Weil ihre Stimme sanft ist - aber nicht kieksig.
Es ist kalt an diesem Novembertag in Köln. Die jungen Frauen, die in Grüppchen vor dem Hyatt Regency Hotel stehen, tragen Schals und hüpfen von einem Bein auf das andere. Immer wieder schauen sie in Richtung des Eingangs. Sie warten nicht auf Take That, die an diesem Abend ebenfalls in Köln auftreten. Sie warten auf Katie Melua. Doch die Sängerin, deretwegen die jungen Frauen hier sind, wird erst in einigen Stunden durch die Drehtür des Nobelhotels gehen, und in den Wagen steigen, der sie zum Fernsehstudio von „Schlag den Raab“ bringt. So ganz wird Katie Melua nicht in das Format dieser lauten und klamaukigen Sendung passen.
Bevor sie um 22.37 Uhr auftreten soll, stehen Interviews, Ton- und Lichtproben und die Maske auf dem Terminplan. Seit Katie Melua 2003 an der Brit School For Performing Arts von Musik-Produzent und Komponist Mike Batt entdeckt wurde, ist ihr Kalender voll. So voll, dass Tage wie dieser, an denen sie nur drei Stunden in der Nacht schläft, nicht ungewöhnlich, sondern Normalität sind. In diesem Jahr war sie geschätzte 30 Tage zu Hause in England. Fünf Millionen verkaufte Alben weltweit kommen nicht von ungefähr, sondern müssen vermarktet werden.
Unglaublich zierlich ist Katie Melua, die seltsam verknotet auf dem Drehstuhl in der Senator-Suite des Hotels sitzt. Sie trägt eine schmale schwarze Dompteursjacke und Stiefel, die sehr spitz sind und verdächtig nach Krokodil aussehen. Auf dem Kopf einen schwarzen Hut, unter dem sie ihre Haare versteckt hat. In ihrem Gesicht sieht man nur Augen, groß und rund und irgendwie dramatisch. Hypnotische Augen hat Mike Batt sie einmal genannt.
Veränderungen gewohnt
Erst sitzt die Sängerin mit dem Rücken zur großen Fensterfront, dann wechselt sie doch den Platz. Wegen der Aussicht. Sie will den Blick auf die untergehende Sonne genießen. Sie will den Dom und Rheinbrücke sehen Immer, wenn Katie Melua in Köln ist, geht sie über die Brücke zum Dom. Im Frühjahr, während der letzten Tour, hatte sie sogar ihr Fahrrad dabei.
Katie Melua ist Veränderungen gewohnt. Geboren 1984 in Georgien, zog sie mit ihrer Familie nach Belfast, als sie acht Jahre alt war. Der Vater hatte dort eine Stelle als Herzchirurg bekommen. Katie war glücklich über den Umzug, erzählt sie und schaut aus dem Fenster. Weil Nordirland für sie den magischen Westen bedeutete, den sie nur aus Hollywood-Filmen kannte. Weil sie schöne Frauen erwartete und fantastische Autos.
Die Realität sah anders aus. Trister. Trotzdem: Der Westen erfüllte Katies Erwartungen. Weil sie niemals in diesem Luxushotel säße, niemals so viel von der Welt sähe und vor allem niemals von ihrer Leidenschaft, der Musik, leben könnte, wenn die Familie in Georgien geblieben wäre. Ein Mann und drei Kinder. So sähe wohl ihr Leben in Georgien aus, wenn sie nicht Sängerin geworden wäre, meint Katie Melua.
Erste Gage: Ein Ohrensessel
Katie Melua hat den Umzug nach Belfast und jeden weiteren als Herausforderung angesehen, sich keine Sorgen darüber gemacht, ob oder wie schnell sie Freunde finden könnte. „Ich war eines von den Kindern, das sehr gut alleine sein konnte. Ich konnte auch allein mit meinen Büchern glücklich sein und war nie nervös, ob ich Freunde finden würde. Vielleicht hat dies das Ganze beschleunigt.“
Fünf Jahre später zog die Familie nach London. Katie nahm an der Talentshow „Stars up their Nose“ teil. Ihre Konkurrenten: ein Zauberer und ein Dichter. Katie sang Mariah Careys unvermeidliches „Without You“. Und gewann eine Schlafzimmerrenovierung und einen Ohrensessel. Nach dem Abitur studierte die 22-Jährige Musik an der Brit School. Musiktheorie, Musikgeschichte, Performance, Komponieren. Katie mochte jedes Fach. „Mit jedem Tag, den ich da war, war ich sicherer, dass es das ist, was ich tun will. Egal, ob ich bei einer Plattenfirma arbeiten oder selber ein Künstler würde - es musste etwas mit Musik zu tun haben.“ Das Größte waren für Katie Melua die anderen Musiker, die sie kennen lernte: Joni Mitchell, Cat Stevens, Bob Dylan.
Eines Tages hatte Produzent Mike Batt in der Schule zu einem Vorsingen eingeladen. Katie sang „Faraway Voice“, eine Hommage an ihr Vorbild Eva Cassidy. Batt bot ihr einen Plattenvertrag bei Dramatico an, im Sommer 2003 gingen die beiden ins Studio, im November wurde „Call Off The Search“ in England, im April 2004 in Deutschland veröffentlicht. Die Platte erreichte Platz acht in den deutschen Albumcharts, Kritiker lobten Katie für ihre Stimme und die Songs mit dem Folk-Einschlag. Das taten sie auch beim zweiten Album, „Piece by Piece“. Es erreichte Platz zwei in den Charts, und Melua tourte durch Europa und Amerika. Sie gewann den Echo-Award, trat bei den Brit-Awards auf und bekam gerade einen World Music Award.
Vergleiche mit Eartha Kitt
Katie Melua wird oft mit Norah Jones oder Eartha Kitt verglichen, als das süße Mädchen mit den großen, traurigen Augen bezeichnet. Es kümmert sie nicht. Sie weiß, dass die Menschen einsortieren müssen, dass sie diese Mechanismen nicht kontrollieren kann. Und sie ist sich sicher, dass sie die Musik macht, die sich für sie natürlich und richtig anfühlt. Egal, in welche Schublade sie damit gesteckt wird.
Der Erfolg der gebürtigen Georgierin kam rasend schnell. Melua weiß, dass er genauso schnell wieder vorbei sein könnte, wie er gekommen ist. Sie will den Showrummel nicht zu ernst zu nehmen. Sie versucht, ihr privates Leben aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. „Katie ist sehr professionell und diszipliniert, das lieben die Leute an ihr“, hatte der Manager im Vorgespräch mehrfach gesagt.
Wie eine normale 22-Jährige wirkt Katie Melua nicht. Auch, wenn sie sagt, dass sie sich, schon eher altersgemäß, dann und wann fühlt wie eine Idiotin. Allerdings wie eine, die weiß, was sie vom Leben will.
Katie Melua tritt am 6. Dezember in der Oberhausener König-Pilsener-Arena auf.
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