Grabbelei ist peinlich: Fremdschämen mit Gottschalk
VON ANDREA WULFF - zuletzt aktualisiert: 27.03.2007 - 16:15Düsseldorf (RP). Menschen schämen sich oft stellvertretend für das Verhalten ihrer Mitmenschen. Das Gefühl hat einen Namen: „Fremdschämen“. Bestes Beispiel ist Showmaster Thomas Gottschalk. Viele empfinden seine Grabbelei als peinlich.
Ob er es am Samstag wieder tun wird? Bei John Travolta, Mr. Bean alias Rowan Atkinson und Joachim Löw dürfte sich die Gefahr in Grenzen halten, denn heikel wird es erst, wenn die Damen auf Thomas Gottschalks Couch Platz nehmen. Am 31. März, wenn „Wetten, dass…?“ live aus Freiburg gesendet wird, nehmen die Schauspielerin Natalia Wörner und die Sängerin MelanieC neben dem Fernsehmoderator Platz. Und da Gottschalk inzwischen für seine Grabbelei berühmt-berüchtigt ist, stehen manchen Fernsehzuschauern wohl wieder einige peinliche Momente ins Haus. Denn in weiblicher Gesellschaft im Rampenlicht scheinen sich Gottschalks Hände zu verselbständigen - egal, ob nun Claudia Schiffer, Paris Hilton oder Cate Blanchett neben ihm sitzt. Der Moderator sucht den Körperkontakt und überzeugt sich gern selbst vom ordnungsgemäßen Sitz des Mikrofons oder Rocksaums.
Für manche Zuschauer sind diese oft peinlichen Situationen eine Zumutung. Fast möchte man in den Fernseher hineinspringen und schreien: „Behalt endlich deine Finger bei dir!“ oder die weiblichen Gäste aus dem Ausland beschwichtigen: „Nicht alle deutschen Männer sind so!“ Fremdschämen nennt man diesen Zustand auf Neudeutsch. Das meint, dass wir uns stellvertretend für eine andere Person schämen. Ihr Verhalten ist uns so peinlich, dass es uns beim Hinsehen förmlich „die Zehnägel aufrollt“. Das kann das Fummeln des Moderators sein oder die Talkshow, in der die Studiogäste vor Millionenpublikum schlüpfrige Details aus ihrem Intimleben ausbreiten.
Fremdschämen kann aber auch auf die eigene Familie oder Freunde zutreffen - etwa, wenn sich diese nach unserer Auffassung daneben benehmen. Wer würde sich nicht schämen, wenn die eigene Oma oder Mutter, der Sohn oder Lebensgefährte im feinen Restaurant laut hörbar rülpst oder betrunken vom Stuhl kippt? Dabei könnte einem das Verhalten anderer doch egal sein. Ist es auch - solange Sympathie keine Rolle spielt.
„Je sympathischer jemand ist, desto mehr identifiziert man sich mit dieser Person und desto mehr fühlt man auch mit ihm oder ihr“, erklärt Axel Kowalski, Psychologe am Institut für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Uni-Klinik Tübingen. „Prominente können auch einen Sympathie-Bonus bekommen, weil man den Moderator ohnehin nicht leiden kann.“ Doch nicht nur die Sympathie spielt eine Rolle. „In peinlichen Situationen werden Urängste geweckt“, so der promovierte Psychologe. Um beim Beispiel Gottschalk zu bleiben: Wer als Zuschauer eine nicht-sexistische Haltung gegenüber Frauen vertritt, verkraftet es nicht gut, wenn dieses Weltbild vom Moderator angegriffen wird. „Gleiches gilt, wenn sich im Ausland Deutsche daneben benehmen. Ob und wie stark man sich schämt, hängt davon ab, wie stark man gesellschaftliche Normen verinnerlicht hat.“
Wer trotz aller Peinlichkeiten weiter wie gebannt vor der Glotze hängen bleibt, tut das meist aus Voyeurismus - oder weil er oder sie etwas lernen will. Jawohl lernen! Auch wenn es vom Talkshow-Prekariat ist! „Es gehört zum Urtrieb des Menschen, sich neue Situationen anzuschauen, um daraus zu lernen“, erklärt Kowalski. „Und so, wie die öffentliche Rede für viele Menschen einen hohen Stressfaktor darstellt, schauen sie sich gern an, wie andere diese Situation - und dann noch vor Millionenpublikum - bewältigen.“ Doch wer beim Anblick der gesammelten TV-Peinlichkeiten nur noch vor Scham in den Boden versinkt, der kann ja ausschalten - ein Vorteil gegenüber der Situation im Restaurant, in der sich der Freund daneben benimmt. Denn da bleibt nur eins: Augen zu und durch. Fast möchte man schreien: „Behalt endlich deine Finger bei dir!“ „Es gehört zum Urtrieb des Menschen, sich neue Situationen anzuschauen“
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