Schauspielerin dreht "Tom Sawyer": Heike Makatsch steht auf "anno dazumal"
VON GABY HERZOG - zuletzt aktualisiert: 03.02.2011 - 16:14Bukarest (RP). Die Abenteuer von Tom Sawyer werden für das Kino neu verfilmt. Heike Makatsch spielt die strenge Tante Polly, Benno Fürmann ist Indianer Joe. Beim Dreh in Bukarest erzählt die 39-Jährige, was sie an dem Roman begeistert: "Manchmal wünschte ich mir, mein Leben wäre so wie in diesem Film."
"Alles auf Anfang", befiehlt der Aufnahmeleiter. Schauspielerin Heike Makatsch, die hinter einem Marktstand in Position steht, stellt das Glas Marmelade zurück in den Korb, die Pferdekutsche rollt wieder zum Saloon und der Barbier auf der Veranda wischt seinem Kunden den Rasierschaum vom Gesicht, den er gerade erst großzügig darauf gepinselt hat. Für das Kino verfilmt wird hier aber kein Western, sondern ein Jugendroman. Einer der berühmtesten – die Abenteuer von Tom Sawyer.
Heike Makatsch hat ihre langen blonden Haare zu einem strengen Knoten gebunden. Sie trägt ein altrosafarbenes Kleid, eine hellblaue Schürze und spielt Tante Polly. Der barfüßige Junge mit Strohhut ist im Film ihr Mündel und der Held der Geschichte: Tom Sawyer, gespielt von dem 13-jährigen Louis Hofmann. An seiner Seite: Leon Seidel (14) als Huckleberry Finn. Im November soll der Film im Kino anlaufen.
Auf nach Bukarest
Nachdem die Hafenszenen im Brandenburgischen gedreht und der Neuruppiner See zum Mississippi umgemünzt wurde, zog die Filmcrew weiter nach Bukarest. Am Stadtrand der Rumänischen Hauptstadt, in den „Castel Film Studios“, steht die perfekte Kulisse. „Krabat“ wurde hier schon gedreht, „Borat“ und „Zug des Lebens“ ebenfalls. In „Cold Mountain“ träumte Nicole Kidman als Ada auf dem Balkon gegenüber der Kirche von ihrem Geliebten Inman (Jude Law). Die deutschen Requisiteure haben das Pfarrhaus neu gestrichen, die Gardinen abgehängt und den Saloon von Toms Heimatstädtchen Old St. Petersburg daraus gemacht.
„Manchmal wünschte ich mir, mein Leben wäre so wie in diesem Film“, sagt Heike Makatsch. „Alles hier ist so wunderbar essentiell. Jeder Einzelne trägt etwas zum Funktionieren der Gesellschaft bei, jeder ist wichtig und hat seine Aufgabe. In der heutigen Zeit sind viele Zusammenhänge nur schwer zu begreifen“, sagt Makatsch, die mit ihrem Freund und den beiden Töchtern in Berlin Mitte lebt.
Aber kaum hat sie den Wunsch nach einem Leben wie „anno dazumal“ ausgesprochen, klopft sie auf ihr Korsett. Die ohnehin schon sehr schlanke Taille ist so eng zusammengeschnürt, dass man sie mit drei Händen umfassen könnte. „Das Ding hier engt einen als Frau schon sehr ein“, sagt sie. „Darauf würde ich gerne verzichten.“ Im Gegenzug würde sie dann selbstverständlich auf Gleichberechtigung und Frauen-Wahlrecht pochen. „Und eine Waschmaschine wäre auch nicht schlecht.“
Tom ist wild, er flucht und prügelt sich
1876 wurde Mark Twains Jugendroman veröffentlicht. Damals sorgte das Buch für einigen Wirbel. Anders als sonst zu der Zeit üblich, wurde nicht über mustergültig wohlerzogene Mädchen und artige Jungen geschrieben. Tom ist wild, er flucht und prügelt sich, schwänzt die Schule und wird trotz all seiner Streiche als Held gefeiert. Weltweit wurde das Buch als Hörspielkassette vertont und oft verfilmt. In Deutschland erinnern sich viele noch an die 26-teilige Serie von 1976 mit Brigitte Horney als Polly.
Im Zentrum der Geschichte steht, wie Tom und sein Freund Huck nachts auf dem Friedhof Zeugen eines Mordes werden. Der Halbblut-Indianer Joe tötet den Dorfarzt Mr. Robinson und versucht, den hinterhältigen Mord, Muff Potter in die Schuhe zu schieben. Der Landstreicher ist betrunken und wird, weil er in der Nähe des Tatorts gesehen wurde, sofort verdächtigt und vor Gericht gestellt. Aus Angst vor dem gewalttätigen Indianer Joe schwören die Jungs zunächst, ihre Beobachtungen für sich zu behalten. Tom bricht aber dann doch den Eid. Er sagt vor Gericht aus und rettet so den unschuldigen Muff vor dem Galgen.
"Nichts ist echt"
„In der Zeit, in der unser Film spielt, gab es noch nicht einmal ein Grammophon, Streichhölzer wurden als neue Erfindung gefeiert. Dennoch ist die Geschichte vom Tom Sawyer heute noch aktuell“, sagt Produzent Boris Schönfelder von der Neuen Schönhauser Filmproduktion. „Es geht um die großen Themen, die unsere Kinder auch heute umtreiben: Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Freundschaft und das erste Verliebtsein.“
Joachim Król schlendert in zerfetzter Hose und ausgebeultem Mantel über den Marktplatz. In seiner Hand hält er die Whiskeyflasche – ein Requisit, ohne das er in diesen Tagen nie die Garderobe verlässt. Er spielt Muff Potter, Benno Fürmann ist Indianer Joe. Immer wieder schraubt Król die Flasche auf und gönnt sich einen Schluck. Manchmal auch in der Drehpause, wenn die Kameras aus sind. Einmal reicht er die Flasche sogar an Louis weiter: „Hier, das ist gut für dich, mein Junge.“ Louis setzt an und nimmt einen Zug. „Apfelsaft“, stellt der 13-Jährige enttäuscht fest.
„Nichts ist echt. Sogar der Schmutz in meinem Gesicht ist mit Vaseline festgeklebt, der Dreck unter den Fingernägeln mit schwarzem Kajal-Stift gemalt. Typisch Film.“
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