Betrunkener Auftritt in ZDF-Show: Helmut Berger – Ikone für die Ewigkeit
VON CHRISTIAN SIEBEN - zuletzt aktualisiert: 04.04.2010 - 11:25Düsseldorf (RPO). Auftritt: Helmut Berger! In der Retro-Show "My Swinging Sixties" mit Thomas Gottschalk saß der Österreicher offensichtlich betrunken auf dem Gästesofa. Berger nuschelte, gab reichlich Obszönes von sich und wurde gegen Ende sogar handgreiflich. Der 65-Jährige tat mal wieder das, was er am besten kann: Er wanderte auf dem Grat zwischen stupider Peinlichkeit und grandioser Genialität.
Es gab Zeiten, da lag Hollywood mitten in Europa. Es war die Zeit, in der Regiemeister wie Federico Fellini und Luchino Visconti den cineastischen Takt vorgaben. In denen Millionen Männer in aller Welt für Sophia Loren, Claudia Cardinale und Gina Lollobrigida schwärmten. Es war die Zeit, in der Helmut Berger, Hotelier-Sohn aus dem kleinen Bad Ischl, für ein halbes Jahrzehnt zur Ikone des europäischen Kinos wurde. Los Angeles oder New York waren Provinz. Das Leben fand in London, Paris, Mailand und Rom statt. Und Helmut Berger war mittendrin.
"Der Blaue Engel" macht ihn zum Star
Bergers Stern geht im Jahr 1969 auf. Im Visconti-Film "Die Verdammten" spielt der damals 24-Jährige die Rolle des Martin Essenbeck. Der Film, der an der Geschichte der Familie Krupp im Dritten Reich angelehnt ist, macht den blonden Jüngling über Nacht zum Star. Nicht Dirk Bogarde, Ingrid Thulin oder Helmut Griem machen den Film bekannt, sondern Bergers Version von Marlene Dietrichs Lola aus "Der Blaue Engel". Berger wird für den Golden Globe nominiert. Für den jungen Mann aus Österreich ein früher Ritterschlag.
Berger ist zu diesem Zeitpunkt längst eine persönliche Beziehung mit Visconti eingegangen. Er lebt mit dem 40 Jahre älteren Visconti, einer der reichsten Männer Italiens und bekennender Kommunist, auf dem Anwesen der Familie bei Mailand. Der Conte macht den Österreicher zu seiner Muse. Er besetzt keine Rollen mit Berger, er schreibt Filme für Berger. Dieser darf 1972 in "Ludwig II" die Hauptrolle an der Seite seiner Freundin Romy Schneider spielen. "Ludwig" gilt heute als Bergers größte Rolle.
Party mit den Rolling Stones
Spätestens jetzt ist Berger ein Weltstar. Er verkehrt mit den Beatles, macht Party mit den Rolling Stones. Er hat Affären mit den schönsten Frauen der Welt. Britt Ekland, Marisa Berenson, Bianca Jagger oder Ursula Andress, um nur vier zu nennen. Mit Romy Schneider verbindet ihn eine lebenslange Freundschaft. Berger lebt hart. Alkohol, Drogen und öffentliche Abstürze prägen schon früh die Schlagzeilen. Er lebt mal in Rom, dann wieder in Mailand oder Paris. In seltenen Interviews brabbelt er peinlich, unverständlich.
In seinem letzten Visconti-Film "Gewalt und Leidenschaft" mit Burt Lancaster im Jahr 1974 hat Berger viele Szenen, aber kaum Text. Er läuft durchs Bild, sitzt mit am Tisch und guckt zu. Er ist Teil der pompösen Visconti-Einrichtung. Im Abspann des italienischen Originalfilms ist der Satz "Herr Helmut Berger wurde ausgestattet von Yves Saint Laurent" länger zu lesen als der Name des Hauptdarstellers Burt Lancester. Berger, der jetzt den inoffiziellen Titel als "Schönster Mann der Welt" trägt, ist eine Stilikone. Ein Nacktbild von ihm hängt zu dieser Zeit in Londons Tate Gallery. Das Museum muss zwischenzeitlich geschlossen werden. So groß ist der Ansturm auf das Bild des Fotografen Helmut Newton.
Nach dem Tod des Gönners geht es bergab
Am 17. März 1976 ändert sich für Berger alles. Sein Gönner Visconti, der notorische Kettenraucher, stirbt nach einem Schlaganfall. Die Familie des Grafen jagt Berger aus dem Schloss. Die Angebote für große Filme hören von einem Tag auf den anderen auf. Kleinere Angebote lehnt Berger erst ab, für ihn ist das unter seiner Würde. Er zieht nach Rom, nimmt dann doch kleinere Rollen in italienischen B-Produktionen an. Der König des Films ist er nicht mehr. Wahr haben will er es nicht. Skandale produziert er weiter.
In den 80er-Jahren macht der zu dieser Zeit schwer alkholkranke Berger noch einen Ausflug in den USA. Er übernimmt eine Rolle im "Denver Clan", angeblich für 40.000 Dollar pro Episode. Aber die Amerikaner haben schnell genug von seinen Eskapaden. Berger selbst behauptet, er habe aus Wut gekündigt, weil die Produzenten ihm Partys mit seinem "Freund" Jack Nicholson verbieten wollten. 1990 folgt eine Nebenrolle als Banker in "Der Pate III". Das war es dann. Nennenswerte Projekte kommen nicht mehr.
Besondere Beharrlichkeit
Vom Glanz und dem Geld der 70er Jahre ist heute nichts mehr da. Berger zog nach Salzburg, wo er lange in der Wohnung seiner Mutter lebte. Damit die Mama nicht so alleine ist, sagte er einmal. Wird er heute doch noch mal in TV-Shows eingeladen, benimmt er sich wie Samstag bei Gottschalk. So wie früher, als dem Visconti-Jüngling alles verziehen wurde. Dass er heute ein dicklicher, für viele peinlicher Mann mit getönten Haaren ist, interessiert ihn nicht. Berger verdrängt das. Lebt weiter seinen Visconti-Traum, der bereits vor 35 Jahren platzte. Diese Beharrlichkeit, diese Weigerung in der Realität zu leben ist letztlich: bewundernswert.
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