Schauspielerin wurde 94 Jahre alt: Inge Meysel ist tot
zuletzt aktualisiert: 10.07.2004 - 20:50Hamburg (rpo). Inge Meysel ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Wie ihr Manager mitteilt, starb sie am Samstagmorgen in ihrem Haus in der Nähe von Hamburg.
Resolute Frauengestalten schienen ihr auf den Leib geschrieben wie kaum einer anderen deutschen Schauspielerin: Inge Meysel galt nicht von ungefähr als "Fernsehmutter der Nation". In mehr als hundert TV-Produktionen verkörperte die die gebürtige Berlinerin seit 1965 auf dem Bildschirm Frauenrollen des Alltags - von der treu sorgenden, wenn auch durchaus eigensinnigen Mutter bis zur verhärmten Greisin. Dabei rückte ein wenig in den Hintergrund, dass die Tochter einer Dänin und eines jüdischen Tabakwarengrossisten manchmal auch eine unbequeme Querdenkerin sein konnte, für die der Begriff Tabuthema ein Fremdwort war.
So zählte "die Meysel" gemeinsam mit Alice Schwarzer, Margarete Mitscherlich und Luise Rinser zu den prominenten Frauen, die im Juli 1978 das Magazin "Stern" wegen der "Darstellung der Frau als bloßes Sexualobjekt" verklagten - ein gesellschaftpolitisches Engagement, das mancher Zuschauer der beliebten Schauspielerin mit dem Mutter-Etikett damals kaum zugetraut hätte. Die Annahme des Bundesverdienstkreuzes lehnte die zweimal verheiratete Künstlerin 1981 ab und begründete dies mit der rhetorischen Frage: "Einen Orden dafür, dass man anständig gelebt hat?"
Für die Fernsehzuschauer dürfte der Name Inge Meysel jedoch vor allem mit ihren großen Bildschirm-Erfolgen verbunden bleiben, die sie in der Zeit des bundesdeutschen Wirtschaftswunders zum Star aufsteigen ließen. Mit ihren Rollen in Serien wie "Im sechsten Stock", "Ida Rogalski" und vor allem "Die Unverbesserlichen" schrieb die frühere Theaterschauspielerin Fernsehgeschichte. Ihr Debüt als Bühnenschauspielerin feierte Inge Meysel 1930 in Zwickau; nach weiteren Engagements in Leipzig und Berlin wurde sie als "Halbjüdin" von den Nationalsozialisten mit einem Auftrittsverbot belegt. Nach dem Krieg brachte der Regisseur Helmut Käutner sie zum Hamburger Thalia-Theater, wo sie bis 1955 arbeitete. Den großen Durchbruch schaffte sie um die Jahreswende 1959/60 auf der Bühne und im Fernsehen als Portiersfrau in dem Stück "Das Fenster zum Flur".
Wenig Mütterliches
Seither galt Inge Meysel als "Fernsehmutter", obwohl sie nach eigenem Bekunden an sich selbst wenig Mütterliches fand. Ihre ständig wachsende Beliebtheit bescherte der Schauspielerin in den Folgejahren eine Fülle von Auszeichnungen. So erhielt sie unter anderem zwischen 1968 und 1973 gleich fünf goldene "Bambis", außerdem 1965 die "Goldene Kamera". Die Ehrungen rissen auch im Alter nicht ab: So wurde die Künsterlin 1991 von ihrer Geburtsstadt Berlin mit der Ernst-Reuter-Plakette ausgezeichnet.
Dass Sterben und Alter für sie kein Tabus waren, machte Inge Meysel seit 1991 durch ihre Engagement für die "Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben" deutlich. Auch als Schauspielerin stellte sie sich diesen Themen: In vielen ihrer späten Rollen stand das Leben im Alter im Mittelpunkt, so 1990 in dem Fernsehfilm "Kein pflegeleichter Fall". Damals spielte sie eine ins Altersheim abgeschobene Seniorin.
Bundespräsident Köhler betroffen
Bundespräsident Horst Köhler hat mit großer Betroffenheit auf den Tod von Inge Meysel reagiert. Deutschland verliere mit ihr "eine herausragende Schauspielerpersönlichkeit", betonte Köhler in einer am Samstagabend in Berlin veröffentlichten Erklärung. Inge Meysel habe sich mit ihrem unverwechselbaren Stil in die Herzen der Menschen gespielt. Unvergessen bleibe ihr couragierter Einsatz für die Gesellschaft. "Ihr Mut und ihre Menschlichkeit war vielen ein Vorbild", betonte der Bundespräsident.
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) betonte, Inge Meysel sei eine große Schauspielerin gewesen, "die sich auch immer wieder mutig und engagiert zu gesellschaftlichen Fragen zu Wort gemeldet" habe. Mit ihrer "vitalen, offenherzigen Art war sie ein bewundernswertes Beispiel für jene besondere Berliner Mischung aus Tatkraft und Freiheitswillen". Vor allem als "Die Unverbesserliche" werde sie ihm in Erinnerung bleiben, betonte der Kanzler.
Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) sagte, Inge Meysel sei eine "Volksschauspielerin im besten Sinne des Wortes" gewesen. Couragiert und selbstbewusst, klug und vorlaut mit Wortwitz, seien ihre Frauenfiguren "Leitbilder ganzer Generationen". Den Ehrentitel "Mutter der Nation" habe sie zu Recht und mit Würde bis zuletzt getragen.
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