Zu Gunsten der Kinderschutzstiftung: Jetzt amtlich: Politiker erzählen Märchen
zuletzt aktualisiert: 26.11.2004 - 14:54Berlin (rpo). Was manche Kommentatoren der deutschen Politik schon immer wussten, hat sich nun bestätigt: Politiker erzählen Märchen. Mit dem feinen Unterschied, dass Spitzenvertreter von CDU und SPD am Freitag zu Gunsten der Kinderschutzstiftung ein echtes Märchenbuch zur Hand nahmen.
Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer und die "First Lady" Eva Luise Köhler lasen in einem Zelt am Berliner Reichstag Märchen zu Gunsten der Kinderschutzstiftung "Hänsel und Gretel" vorgelesen. Die Stiftung unterstützt Projekte zur Prävention und Hilfe bei sexuellem Kindesmissbrauch.
Jedes vierte bis fünfte Mädchen in Deutschland werde laut Statistik sexuell missbraucht, bei den Jungen sei es etwa jeder neunte bis zwölfte, sagt Barbara Schäfer-Wiegand, erste Vorsitzende der 1997 gegründeten Stiftung. Insgesamt seien es jedes Jahr rund 300.000 Kinder, die diese schreckliche Erfahrung machen müssten. "Meist werden die Kinder von Menschen misshandelt, die ihnen bekannt sind und häufig aus der eigenen Familie kommen", sagt Schäfer-Wiegand. Kinder im Alter von sieben bis 13 Jahren seien am meisten betroffen. Ansatz der Stiftung sei, Missbrauch durch Prävention zu verhindern.
Gebrüder Grimm bei 70 Grad
Laurenz Meyer, Vater von vier Töchtern, ist der erste Erzähler in dem so genannten Märchenwald. Sofort habe er der Stiftung zugesagt, bei der Aktion mitzumachen. Missbrauchten Kindern müsse gezielt Hilfe geboten werden. Dann setzt er sich in einen roten Ohrensessel und liest die Geschichte vom "Gestiefelten Kater" vor. Mehr oder weniger gebannt lauschen zwölf Kinder, dahinter stehen noch einmal so viele Kamerateams. Am Ende fragt Meyer, wem denn Märchen zu Hause vorgelesen würden. Nur ein Junge meldet sich. Die anderen kauen Lebkuchen.
"Das ist erschreckend", kommentiert Meyer danach. "Heute spielen für viele nur noch Fernsehbilder eine Rolle, und die sind oft schrecklich." Zwar seien auch Märchen häufig grausam, aber sie regten die Fantasie an und seien einfach schön. "Meine Kinder fanden es früher am besten, wenn ich ihnen in der Sauna Märchen vorlas", erzählt Meyer. Bei 70 Grad hätten sie vor allem die Geschichten der Gebrüder Grimm gemocht.
Zypries sucht sich Hans Christian Andersens "Des Kaisers neue Kleider" aus. Die Geschichte, in der der eitle Kaiser am Ende nackt vor seinem Volk steht und dies zunächst nur von einem Kind bemerkt und ausgesprochen wird, fasziniert die Justizministerin. "Lasst euch nicht ins Bockshorn jagen und traut euch zu sagen, was ihr seht und denkt, das ist die Moral der Geschichte", sagt sie den Kindern danach. Sie wolle, dass Erwachsene Kindern in der Not helfen, dass sie hinsehen und nicht wegschauen.
Merkel und das Rumpelstilzchen
Eva Luise Köhler entscheidet sich für "Dornröschen". "Märchen sind für Kinder ein Sprachschatz und gut für die Seele", sagt sie. Ohne dass es einem bewusst werde, transportierten sie Dinge, die Kinder in ihrer Entwicklung zum Erwachsenen durchmachten. Thema sei häufig der Kampf für das Gute - und dass man dafür auch etwas tun müsse.
Am Nachmittag wollte CDU-Chefin Angela Merkel "Rumpelstilzchen" vorlesen. Auch Horst Seehofer wurde erwartet, der in der letzten Woche vom Amt des stellvertretenden Unions-Fraktionsvorsitzenden zurückgetreten war. Mit dabei sind auch ein paar mehr oder weniger Prominente aus Film und Fernsehen, etwa Peter Hahne oder Cherno Jobatey. Am (morgigen) Samstag geht die Aktion weiter: Dann soll unter anderem Bundesinnenminister Otto Schily auftreten. Den Titel des Märchens, das er vorlesen wird, hat er noch nicht verraten.
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