Gespräch: Jürgen Vogel: Hans Dampf in allen Gossen
zuletzt aktualisiert: 21.10.2006 - 14:38Düsseldorf (RP). Sonntagmorgen bricht Jürgen Vogel zu einem Rekordversuch auf. Mit Filmpartner Daniel Brühl will er fünf Premieren des Films "Ein Freund von mir" an einem Tag besuchen. Eine gute Gelegenheit, vor dem Start mit ihm über Freundschaft zu sprechen.
Jürgen Vogel ist gerade dabei, sich zu verlieben. In Hamburg, in die alte Heimat. Er starrt aus dem Fenster des Hotel Atlantic durch den Nieselregen auf die Außenalster.
Vogel:Ich bin bei Ihnen. Ich kann nur nicht die Augen von ihr lassen.
Heimweh?
Nein. Ich vertrete die These, dass man den Ort seiner Kindheit irgendwann verlassen muss und nie wieder zurückkehrt. Das ist ein Block, der ist dann abgeschlossen.
Jürgen Vogel ist 15 Jahre alt, als er Hamburg hinter sich lässt. Es ging nicht anders, und es gab kein Zurück. Ein Castingagentur hatte die Modekatalogfotos gesehen, die er als Neunjähriger gemacht hatte, engagierte ihn für den Film „Kinder aus Stein“, in dem er ein Straßenkind spielt. Nach dem Erstkontakt mit einem Filmset weiß Vogel, dass es nicht anders mehr für ihn geben kann und dass es kein Zurück gibt. Es folgen drei Monate München, davon ein Tag an einer Schauspielschule, dann Berlin. Bis heute.
Warum nur ein Tag an der Schauspielschule?
Vogel: Ich wollte kein Theater spielen, nicht fechten lernen oder irgendwas über Phonetik. Ich wollte etwas über Filmschauspielerei lernen. Schienenwege für die Kameras, Licht, Schnitte, solche Sachen halt. Einer, der Rennfahrer werden will, fängt ja auch nicht auf einem Fahrrad an.
Wo haben Sie dann „Ihre“ Schule gefunden?
Vogel:Bei Richy [der Schauspieler Richy Müller, Anm. d. Red.] und seiner Clique und bei den nächsten Dreharbeiten. Ich habe damals zum Beispiel in Holland eine Eishockey- Serie fürs ZDF gedreht. Da habe ich viel über das Handwerk gelernt. Da kannst du nicht großartig darüber reden, wie du dich in deine Rolle einfühlen willst und so. Da heißt es: Du fährst jetzt da rüber, die beiden Riesentypen hauen dich um, du stehst auf und sagt folgenden Satz. . .
Und danach haben Sie trotzdem weitergemacht?
Vogel: Klar, das konnte doch nicht alles gewesen sein.
In der Berliner Schauspieler-Clique ist Vogel das Maskottchen. Richy Müller der Ersatzvater, Claude-Oliver Rudolph und Ralf Richter sind auf ihre Art liebenswerte Lehrer, die Jürgen Vogel prägen. In Filmen wie „Rote Erde“ oder „Die große Flatter“ spielen sie eben keine hochangesehenen Persönlichkeiten, sondern Bergmann oder Herumtreiber. Es entsteht der proletarische Schauspieler, eine „Rolle“, die Jürgen Vogel perfektioniert hat. Auch, weil er Film malocht, weil er dreht und dreht und dreht. In diesem Herbst ist er in fünf Werken im Kino zu sehen. Hans Dampf in allen Gossen.
Wie viele Filme haben Sie gedreht?
Vogel: Im Schnitt, glaube ich, so vier pro Jahr. Das wären jetzt also schon fast 100. Aber ich befasse mich nicht so viel damit.
Was heißt das?
Vogel: In der Regel gucke ich mir einen Film einmal an, aber bitte nicht mehrmals. Manche habe ich auch nie gesehen.
Seinen jüngsten Film, „Ein Freund von mir“ (Start: 26. Oktober), wird der 38-Jährige mindestens fünf Mal sehen. Morgen startet er mit Filmpartner Daniel Brühl den Versuch, sich ins Guinness Buch der Rekorde zu gucken. Die beiden planen, fünf Premieren an einem Tag zu besuchen. In „Ein Freund von mir“ spielt er Hans, die Idealversion des besten Kumpels: kindisch, verrückt, mutig und in alle Frauen der Welt verliebt.
Hans erscheint zu gut, um wahr zu sein. Ist „Ein Freund von mir“ also ein Märchen?
Vogel: Nein. Hans lebt mit großen Kinderaugen. Das ist doch was Schönes, wenn man auf das Leben zugeht, als sei es ein Spielplatz. Eine Rutsche hier, ein Sandkasten da. Es ist doch auch wunderbar, wenn man Dinge als groß empfindet. Das passiert doch immer seltener, weil wir meinen, dass wir selbst schon groß sind.
Welcher Typ bester Kumpel sind Sie?
Vogel: Freundschaft ist die Familie, die man sich selbst ausgesucht hat. Nicht an Zeit oder Zweck gebunden. Ich kenne meinen besten Freund jetzt seit 20 Jahren, das ist einfach dieses Urvertrauen. Ich vermisse ihn oft, und das sag ich dann auch, wenn wir telefonieren, auch wenn Jungs so was sonst nicht sagen.
Ein gewisser Mut zur Peinlichkeit gehört dazu.
Vogel: Unbedingt. Veränderung ist gut, aber ich bleibe kindisch. Es macht die Sache leichter, wenn man sich selbst mal blöd findet. So lässt sich auch die Härte des Lebens besser verkraften, wenn man es als Spiel begreift. Das ist wie mit der Rutsche, von der ich vorhin sprach. Es geht runter, aber unten stehst du auf und spielst weiter.
Im Laufe des Gesprächs ist Jürgen Vogel immer tiefer in seinen Sessel gesunken und hat den Kopf hinten aufgelegt. Es klopft. Der kurze, drahtige Mann geht zur Tür, geht, als sei seine Jeans eine Nummer zu klein. Draußen steht Brühl, der seinen Filmpartner („die kleine Wurst“) besucht. Die beiden umarmen einander, machen blöde Witze, dann verschwindet Brühl wieder.
Daniel trägt ja dasselbe Armband wie Sie.
Vogel: Echt? Muss ich gleich mal gucken. Macht aber Sinn. Jeder braucht Vorbilder, und wenn ich jetzt Daniels bin, kann ich das gut verstehen. Ich bin ja auch eine coole Sau.
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