Autobiografie ohne Privates: Kahn und sein Vorbild Dagobert Duck
zuletzt aktualisiert: 12.05.2004 - 15:11München (rpo). Oliver Kahn hatte als kleines Kind ein ungewöhnliches Idol: Donald Duck. Dieses Geständnis macht der Torwart-Titan in seinem Buch, das er jetzt vorgestellt hat.
Dass er zwischen zwei Torpfosten glänzen kann, hat Oliver Kahn trotz einiger schwerer Patzer schon häufig bewiesen. Jetzt will der Nationaltorhüter zeigen, dass er auch zwischen zwei Buchdeckeln etwas zu bieten hat: Am Mittwoch stellte der 34-Jährige seinen literarischen Erstling "Nummer eins" vor. "Wer etwas über mein Privatleben erwartet, braucht sich das Buch nicht zu kaufen", stellte Kahn bei der Präsentation mit Schauspielerin Senta Berger im Münchner Literaturhaus klar.
Auch die Pressekonferenz war nicht der richtige Ort, um Auskunft über Kahns Privatsphäre zu erhalten. Gelassen im schwarzen Ledersessel ruhend, blockte der Profifußballer die bohrenden Fragen einiger Klatschreporter ab: "Das ist hier die Pressekonferenz zu meinem Buch. Sie werden Verständnis dafür haben, dass ich mich zu privaten Dingen nicht äußere."
Die Fragen drängen sich auf: Es waren turbulente Tage, die der dreimalige Welttorhüter des Jahres zuletzt erlebt hat: der folgenschwere Fehlgriff im Spiel seines FC Bayern gegen Werder Bremen, die Trennung von seiner Freundin Verena und die von den Boulevardblättern beobachtete Wiederannäherung an seine Frau Simone - Beziehungsstress pur. Kein Wunder, dass viele Beobachter den Fehler im Bremen-Spiel darauf zurückführten.
Auch der schreibende Fußballstar gab in einem Interview zu: "Mir fängt an alles über den Kopf zu wachsen. Ich finde keine Ruhe mehr. Das Rad Oliver Kahn ist überdreht." Ein Freund des Fußballers erzählte der Illustrierten "Bunte", der zweifache Familienvater wünsche sich nun sehnlichst, dass Simone und die Kinder ihn zur Fußball-Europameisterschaft nach Portugal begleiten - doch die Umworbene sträube sich.
Während Verena im Buch mit keinem Wort erwähnt wird, widmet Kahn seiner Frau einige Zeilen des Danks. Simone sei für ihn "sehr wichtig" gewesen und habe viele schwere Situationen mit ihm durchgestanden. "Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun", schreibt Kahn.
Ansonsten handelt das Buch von der Macht der Medien, die Sportler "in den Himmel heben" und "in die Hölle schicken", und von der Einsamkeit des Torwarts. Auf gewisse Weise müsse ein Keeper auch Masochist sein, beschreibt der Autor die Momente der Einsamkeit des Torhüters nach einem gegnerischem Treffer.
Sein Buch sei keine Autobiografie, er habe "Reflexionen" zu Papier gebracht, sagt Kahn. Tatsächlich ist "Nummer eins" ein klassisches Sportbuch. Wer auf Seitenhiebe gegen Mitspieler wartet, wie sie in den Torwartbüchern von Uli Stein und Toni Schumacher zu lesen waren, wird bei der Lektüre des Kahn-Buchs enttäuscht. "Ich hatte keine Lust, auf irgendjemanden loszugehen."
Dennoch erfährt der Leser Interessantes. Zum Beispiel darüber, warum Kahn bisweilen auf Teamkameraden und Gegner losgeht. "Das Warten in einem abgesteckten Feld, also im Strafraum, ist für einen ungeduldigen Menschen wie mich etwas Furchtbares."
Kahn erklärte vorab in einem Interview, er habe das Buch unter anderem deshalb geschrieben, um zu zeigen, dass es noch andere Facetten seiner Person gebe als den vor Wut strotzenden und brüllenden Torwart, der Mitspieler und Gegner bisweilen würgt und beißt. "Die Position des Torwarts ermöglicht es mir nicht, all die Frustrationen und Aggressionen, die im Sport entstehen, rauszurennen, rauszugrätschen. Vielleicht gerate ich deshalb immer wieder in diese typischen Oliver-Kahn-Situationen".
Das Buch dient Deutschlands erfolgreichstem Torhüter auch dazu, eine sportlich besonders schmerzhafte Situation zu verarbeiten: die Niederlage im Champions-League-Finale 1999. Eine "große Leere" habe ihn damals überkommen. Die Situation sei die "eines Workaholic und Süchtigen" gewesen. Und über den schweren Fehler im Match gegen Real Madrid schreibt Kahn: "Keine Pfiffe, keine Jubelschreie, gespenstische Stille, noch nie habe ich die Fassungslosigkeit so gespürt."
Der Leser erfährt auch, dass der Fußball-Millionär als Kind davon träumte, so reich wie Dagobert Duck zu werden. Und der erwachsene Kicker träumt davon, einmal als Schauspieler in die Rolle von James Bond zu schlüpfen und bei einem Segeltörn "ziellos im Mittelmeer umherzuschippern". Und noch eines verrät Oliver Kahn gegen Ende seines Buches: "Das Privatleben wird sicherlich eine große Herausforderung für mich bleiben." Es wird also weiter spannend mit Oliver Kahn.
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