Endlich kommt sie selbst zu Wort: Monroe – wie sie wirklich war
VON MARTIN HALTER - zuletzt aktualisiert: 25.10.2010 - 14:31Düsseldorf (RP). "Tapfer lieben" heißt das jetzt veröffentlichte Tagebuch von Marilyn Monroe, in dem Notizen, Briefe, Gedichte, Haushalts- und Merklisten versammelt sind. Der ebenso spannende wie bewegende Nachlass zeigt, dass Monroe einen gesunden Menschenverstand und eine hellwache Intuition besaß.
Fast 50 Jahre nach ihrem Tod ist Marilyn Monroe ein Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts, bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet von über dreihundert Biografien. Nachdem so viele Künstler und Schriftsteller, Filmhistoriker, Philosophen und Psychologen Erhellendes oder auch Dummes über die Monroe gesagt haben, kommt sie jetzt endlich selber zu Wort.
„Tapfer lieben“, zeitgleich in zehn Ländern (unter dem weniger verkitschten Titel „Fragments“) erschienen, ist ihr Vermächtnis: faksimilierte Notizen, Briefe, Gedichte, Haushaltsund Merklisten (sowie ein Truthahnrezept) – herausgeben von Anna Strasberg, der Witwe von Monroes Nachlassverwalter Lee Strasberg, und sparsam kommentiert von Stanley Buchthal und Bernard Comment.
Das Buch: Marilyn Monroe: „Tapfer lieben“. Ihre persönlichen Aufzeichnungen,
Gedichte und Briefe. S.Fischer Verlag, 272 S., 24,95 Euro
Die Ausstellung: Das Ikonen-Museum Frankfurt zeigt vom 15. Dezember
bis 28. Februar 2011 „MM. Die Ikone Marilyn Monroe“.
Die Fragmente enthalten weder sensationelle Neuigkeiten noch Klatsch, überhaupt „nichts Schmutziges und Gemeines“, wie die Kommentatoren bemerken. Aber selbst wer dem Monroe-Kult nichts abgewinnen kann, wird das Buch nicht ohne Bewegung und Staunen lesen. Zu besichtigen ist nämlich eine kluge, moderne Frau, die weiß, was gespielt und wie ihr mitgespielt wird. Die Monroe durchschaut und reflektiert ihre Komplexe – und weiß sie bis zu einem gewissen Grade auch als „nervöse Spannung“ schauspielerisch fruchtbar zu machen.
Zwischen Depression und ironischem Witz
Man weiß inzwischen, dass Marilyn nicht das blonde Dummchen war, das sie in Filmen wie Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“ spielte. Man weiß auch, dass sie zeitlebens unter Selbstzweifeln, Ängsten und Einsamkeit litt und das Gefühl des Ungenügens mit Alkohol und Tabletten betäubte.
Aber noch nie konnte man die Frau hinter der Maske „Marilyn Monroe“ so nah, so ungeschützt sehen: eine zerbrechliche, verstörte, verwundete Seele, nach landläufigen Begriffen depressiv, aber dabei trotz allem auch klug, fröhlich, warmherzig, humorvoll, ja sogar selbstironisch.
Sie war eine Leseratte
Männer haben sich oft über die Sexbombe amüsiert, die sich in den Drehbuchpausen in Joyce’ „Ulysses“ oder Walt Whitmans Gedichte vertiefte. Aber die Monroe war kein lebender Blondinenwitz, sondern eine bildungshungrige Leseratte; dass sie auf den meisten der im Buch abgedruckten Fotos ein Buch in der Hand hat, hätte ihr gefallen.
Mag sein, dass ihre Ehe mit dem Superintellektuellen Arthur Miller ein Missverständnis war und dass sie nicht alles verstand, was sie so gierig verschlang. Aber Marilyn Monroe, das belegen diese Aufzeichnungen, verfügte über einen gesunden Menschenverstand, Sensibilität, Neugier und eine hellwache Intuition, kurz das, was man heute „emotionale Intelligenz“ nennt.
Ergreifende Hilferufe
Literarischer Ehrgeiz gehörte nicht dazu. Die „Gedichte“, die sie in schwer leserlicher Schrift auf Küchenzettel, Hotelbriefpapier und in Notizkladden schrieb, sind mal verzweifelte Hilferufe, mal nüchterne Selbstanalysen, aber nie lyrisch ausgearbeitet. Umso ergreifender wirken sie in ihrer hilflosen Nacktheit: „Verdammt wie ich bin, wünschte ich, ich wäre tot / gar nicht vorhanden/ fort von hier/ von überall, nur wie …“
Monroe duckt sich immer wieder unter den großen Männern um sie herum weg, macht sich klein und ermahnt sich in To-do-Listen zu mehr Disziplin, Konzentration und Aufmerksamkeit. Vergebens: 1961 wird sie für fünf Tage in die Psychiatrie eingewiesen. Ganz Schauspielerin, tobt und weint sie über die Demütigung und schreibt zugleich verzweifelte Briefe an ihre Freunde: „Ich denke, tapfer lieben ist das Beste und akzeptieren – so viel man ertragen kann.“ Im August 1962 stirbt die Frau, der auf Erden nicht zu helfen war, unter nie ganz geklärten Umständen an einer Überdosis von Barbituraten.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







