Neue Platte: Paul Potts, der Tenor aus der Wanne
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 13.05.2009 - 08:01Düsseldorf (RP). Das Fernsehen ist perfekt darin, kleine Leute zu Stars für einen Tag zu machen. In Talkshows kehren sie ihr Innerstes nach außen, vor Gaffern aalen sie sich im Licht der Scheinwerfer – und werden bald wieder vergessen sein.
Es sei denn, das Fernsehen treibt Talente wie Säue durch den Gerichtssaal – durch Casting, Recall, Mottoshow, Ausscheidung. Dieser Selektion werden wir bei DSDS ansichtig, und es ist nicht die schlechteste Auslese, wenn das Publikum wertet, denn in der Jury sitzt außer Dieter Bohlen, dem urzeitlichen Leguan der Branche, wenig Sachverstand. Wer hier gewinnt, hat das Volk im Durchschnitt erobert.
Zuweilen braucht es diese DSDS-Reise nach Jerusalem gar nicht. Der Sieg kann auch eine Sache von Sekunden sein. Solch ein wundersames Geschick ereignete sich vor zwei Jahren in England, wo ein Nobody namens Paul Potts bei der Show "Britain's Got Talent" das unvergängliche "Nessun dorma" aus Puccinis "Turandot" schmetterte. Mr. Pott war kein Star, kein Stehaufmännchen, er hatte Bauch, sah mäßig aus. Leichter Silberblick. Gebiss sanierenswert. Doch hatte er etwas in der Stimme, etwas Rares. Hitze. Schmelz. Und etwas im Blick: Angst – jene Angst, die das Publikum entweder lüstern macht oder barmherzig. Bei Potts war es gnädig.
Warum macht Paul Potts seitdem Furore? Weil er auf jeder Bühne mit der Biografie des Krauters steht. Mit einer anderen als seiner tristen Vita hätten sie ihn durchgewinkt. Aber die Trübnis des ehemaligen Philosophie-Studenten, der es mit dem öffentlichen Singen nie schaffte, schwere Krankheiten durchlitt, vor der Show eine Münze warf – das war etwas fürs breite Publikum, das derlei Geschichten so gern vertilgt wie Raupen Blätter.
Potts kam an, weil er etwas vor der Welt Verborgenes hatte, etwas süßes Privates, eine Stimme aus der Badewanne, die sich zutraute, sich zu recken und todesmutig eine Arie zu schmettern, die von Todesmut handelt. Nach diesem Event, das beinahe ein Versehen war, beamte die Vorsehung Mr. Potts auf Wolke sieben, "YouTube" schickte ihn in 80 Stunden um die Welt, die erste CD "One Chance" verkaufte sich wie blöd, per Download wurde Potts Branchenprimus. Und einige rieben sich ungläubig die Augen und fragten sich, ob in der Welt alles mit rechten Dingen zuging. Durfte wirklich jeder Schnulzen-Tenorino mit einem Welterfolg rechnen?
Jetzt hat Potts die neue CD "Passione" herausgebracht, eine ebenso schauerliche Mixtur aus Greatest Hits, deutschem Liedgut, neapolitanischer Folklore, Pop-Honig, Streichersirup und Klassikverwurstung. Erster Befund: Potts ist ein bisschen besser geworden. Zweiter Befund: Für den normalen Opernbetrieb reicht es immer noch nicht.
Muss es auch nicht. Für Tourneen mit engem Repertoire und Mikro vorm Mund genügt es. Gleichwohl ist da etwas jenseits des aparten Timbres, das diese CD erträglich macht. Potts singt mit dermaßen sizilianischer Lust an der Attacke, dass es einen mitnimmt. Immer noch hat er wenig Legato. Immer noch verrutschen ihm Töne. Immer noch sind da geschmackliche Defizite. Bei jedem hohen Ton rechnet man mit einem Absturz. Aber Potts stürzt nicht ab. Wieder schultert er ein hohes "H" heldenhaft. Er kämpft. Er ringt mit den Elementen. Er ist der Zwerg, der den Goliath erlegt und das Publikum gewinnt. Nun, in der Abendröte, die der Branche leuchtet, werfen auch Zwerge lange Schatten. Potts bleibt einer.
Ein Herzenstrost ist es stets, dass das Phänomen der fürsorglichen Umarmung durch die Kundschaft nicht nur den Schönlingen und den Zicken zuteil wird, sondern auch den Versehrten, Mickrigen, Schielenden, Blinden, Pummeligen – also jenem Typus des Unauffälligen, der sich sein Leben lang gemüht hat und ein bisschen so ist wie das Publikum, das seine Platten kauft. Sie alle – Helmut Lotti, Andrea Bocelli, bald Susan Boyle – sind glorreiche Stellvertreter. Singende Repräsentanten des Durchschnitts. Das macht sie sehr sympathisch. Zur Kunst genügt das natürlich nicht.
Aber zum Mögen schon.
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