Viele Postsendungen verschwinden: Post-Ärger - Beschwerden nehmen zu
VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 13.05.2004 - 06:16Düsseldorf (RP). Was ist bloß mit der Schwester los? Karin Mysliwec macht sich ernsthaft Sorgen. Vor Wochen hatte die Krefelderin einen Brief nach Norwegen geschrieben. Warum bleibt die Antwort aus? Jeden Morgen sieht die 68-Jährige in ihrem Briefkasten nach. Doch der Behälter bleibt leer. Endlich meldet sich die Schwester -telefonisch.
„Der Brief, den ich an dich abgeschickt habe, ist wieder zurückgekommen“, beschwert sich die alte Dame. „Die Deutsche Post hat ihn zurückgeschickt. Angeblich konnte der Brief nicht zugestellt werden. Aber das kann nicht sein. Name, Straße, Hausnummer, Postleitzahl - alle Angaben stimmen.“ Karin Mysliwec wohnt seit 38 Jahren an der Dülkener Straße. „Es gab nie einen Anlass, sich über die Post zu beschweren“, erzählt die gelernte Schneiderin. „Bis vor einem Jahr. „Da fing der Ärger an.“ Langfinger haben es leicht Der Brief aus Norwegen - nicht das einzige Schreiben, das nicht ankam. „Ein Brief von der LVA-Rheinland-Pfalz kam nach 14 Tagen mit dem Vermerk ,Empfänger unter der Adresse nicht zu ermitteln’ an den Absender zurück. Auch die Telefonrechnung wurde nicht zugestellt. Die Schlampereien häufen sich. Eine Unverschämtheit!“
"Beschwerden häufen sich"
Wut auf die Post - die Krefelderin steht mit ihrem Unmut nicht alleine da. „In den vergangenen Monaten häufen sich die Beschwerden über Briefe und Pakete, die nicht ankommen“, berichtet Elmar Müller, Sprecher des Deutschen Verbands für Post und Telekommunikation (DVPT). „Selbst Einschreiben und Wertbriefe geraten unter die Räder.“ Immer mehr Kunden verlieren ihr Vertrauen in den gelben Riesen. Marcus Kossmann, Kaufmann aus Tönisvorst berichtet, Kontoauszüge, der Steuerbescheid und ein Sparbuch seien in der Post verschwunden. „Es muss sich um ein manifestes Verteilungsproblem handeln“, ist sich der 39-Jährige sicher. Er vermutet: „Die Schreiben werden von Langfingern abgefischt.“
Kossmann hat sich mit seinen Beschwerden an die Servicenummer der Post gewendet. Er hat die Verteilerkästen der Post als Sicherheitslücke im Visier. „Das sind die Boxen, in denen die Briefe zwischengelagert werden, bevor der Briefträger sie abholt. Die Türen sind leicht zu knacken.“ Oder erst gar nicht geschlossen. Dem DVPT sind Fälle bekannt, in denen Subunternehmer der Post sich erst gar nicht die Mühe machten, die Briefsendungen wegzuschließen. „Die Post lag am Straßenrand“, sagt Elmar Müller. „Erst, als Nachbarn sich beschwert haben, wurden die Briefe weggeschlossen.“ Pro Tag werden in Deutschland bis zu 70 Millionen Sendungen bearbeitet. Um Kosten zu sparen, wurde die Abholung der Post weitgehend in private Hände gelegt.
80 000 Briefträger in Deutschland
Hausfrauen, Ich-AGs und Kurierdienste leeren die Briefkästen. „Taxifahrer haben in den Nachmittagsstunden wenig zu tun“, sagt Dieter Pietruck, Post-Sprecher in Düsseldorf. „Der Konkurrenzdruck in der Branche ist groß. Wer schlechte Arbeit liefert, der fliegt. Die Qualität ist durchgängig gut“, versichert Pietruck. Soweit die offizielle Version. In den Briefverteilzentren gehört der Ärger über die Subunternehmer zum Tagesgespräch. Fuhren fallen aus, weil die Kuriere krank sind. Betagte Droschken bleiben auf der Straße liegen. „Es läuft nicht rund“, sagt Elmar Müller. „Auch die Zusteller sind überlastet.“
In Deutschland gibt es etwa 80000 Briefträger. Für sie haben die Post und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi einen Beschäftigungspakt geschlossen. Die Arbeitszeit wurde auf 38,5 Stunden gesenkt, dafür der Tarifvertrag geöffnet. „Auf freiwilliger Basis können die Zusteller bis zu 48 Stunden arbeiten“, erklärt Verdi-Sekretär Raimund Hartmann. Ein Pakt mit fatalen Folgen für die Postkunden, so der DVPT. „Die Arbeitszeit wurde reduziert, aber die Arbeit blieb gleich und neue Leute wurden nicht eingestellt“, sagt Elmar Müller, „die Zusteller sind überlastet.“ Das Angebot, die Arbeitszeit auszudehnen, habe nur ein Prozent der Briefträger (Bruttolohn: etwa 1500 Euro) in Anspruch genommen. Viele Zusteller versuchen, die Mehrarbeit durch Tricks zu kompensieren. Statt dem Empfänger die Pakete in die Hand zu drücken, werden nur Benachrichtigungskärtchen ausgeteilt. Kritiker vermuten, dass die Pakete oft erst gar nicht eingeladen werden.
Karin Mysliwec hat einen Protestbrief an die Post geschrieben. Das Unternehmen antwortete der Seniorin mit beruhigenden Worten. „Seien Sie versichert, dass Schnelligkeit und Zuverlässigkeit zentrale Qualitätsmerkmale für uns sind“, heißt es in dem Schreiben. Ein Versprechen, von dem sich Karin Mysliwec allerdings wenig verspricht: „Die Bearbeiter der Service-Stelle haben nicht einmal meinen Namen richtig geschrieben.“
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