Inge Meysel war eine streitbare Volksschauspielerin: Rückblick auf die "Unverbesserliche"
zuletzt aktualisiert: 11.07.2004 - 17:26Frankfurt/Main (rpo). Friedlich ist sie am Samstagmorgen in ihrem Bett für immer eingeschlafen: Inge Meysel. Als streitbare Schauspielerin mit Herz und Schnauze ist Inge Meysel in die deutsche Fernsehgeschichte eingegangen. Ein Rückblick:
Als "Mutter der Nation" prägte sie das Medium in der Nachkriegszeit wie kaum eine zweite. Am Samstagmorgen versagte ihr Herz seinen Dienst. Die beliebte Volksschauspielerin verstarb 94-jährig in ihrem Haus in Bullenhausen bei Hamburg. Ihre Asche soll nach Angaben ihres Betreuers Peter Knuth neben ihrem 1965 verstorbenen Ehemann John Olden auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg beigesetzt werden.
Am 30. Mai 1910 als Tochter eines deutsch-jüdischen Tabakwarenhändlers und einer Dänin in Berlin geboren, steht sie mit drei Jahren das erste Mal auf der Bühne - in der Oper Hänsel und Gretel. Später verlässt sie die Schule, um sich zur Schauspielerin ausbilden zu lassen. "Ich hab mir selbst so gut gefallen", begründet sie später ihre Entscheidung, zum Theater zu gehen. 1930 bekommt sie ihr erstes Engagement in Zwickau. Eine Rolle in Penzoldts "Etienne und Louise".
Doch die Karriere endet, bevor sie richtig begonnen hat: 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird Meysel als "Halbjüdin" mit einem Auftrittsverbot belegt - eine Zeit, die sie später als ihre "gestohlenen Jahre" bezeichnet. Doch Meysel, mittlerweile mit ihrem Kollegen Helmut Rudolph verheiratet, gibt nicht auf. Nach dem Ende des Krieges gelingt ihr der Neustart: 1945 spielt sie in der Hamburger St.Johanniskirche Schuldknechts Weib in dem Stück Jedermann. Es folgen Engagements am Hamburger Thalia Theater und später auch am Schauspielhaus - wo sie vorwiegend in Boulevardstücken spielt.
Paraderolle in "Das Fenster zum Flur"
1956 heiratet sie den Regisseur John Olden und drängt in der Zusammenarbeit mit ihm immer mehr ins Charakterfach. Der große Durchbruch gelingt ihr 1959/1960 mit ihrer Paraderolle als Portiersfrau Anni Wiesner in dem Bühnen- und Fernsehstück "Das Fenster zum Flur", der auch ihren Ruf als "Fernsehmutter der Nation" begründet. Dabei habe sie am Anfang gar nicht an die Zukunft des Fernsehen geglaubt, gesteht sie später. Sie habe gedacht: "Wer verdirbt sich denn die Augen mit diesem kleinen Ding?"
In den folgenden 40 Jahren spielt Meysel mehr als 100 Rollen auf der Bühne und im Fernsehen, darunter auch die unvergessene Käthe Scholz in "Die Unverbesserlichen", die ihren Ruf als Mutter der Nation noch verstärkt, und die resolute Putzfrau Ada Harris. Ende Mai ist sie in ihrer letzten Rolle als Oma Kampnagel in der ARD-Krimiserie Polizeiruf 110 in der Folge "Mein letzter Wille" zu sehen.
Für ihre Arbeit bekommt sie zahlreiche Auszeichnungen - darunter den Deutschen Fernsehpreise, die goldene Kamera, mehrere Bambis sowie die Ernst-Reuter-Plakette der Stadt Berlin. Das Bundesverdienstkreuz lehnt sie jedoch ab, weil es kein Orden wert sei, "dass man sein Leben anständig gelebt hat".
Streitbare Demokratin
Den Stempel der Mutter oder später auch Großmutter der Nation wird sie nie wieder los. Sie habe sich nie in eine Schublade stecken lassen wollen, sagt sie später. "Dafür bin ich, um ehrlich und eitel zu sein, ein zu kluge Frau". Sie habe einfach "das reine Leben dargestellt".
Auch in der Öffentlichkeit ist die bekennende Vatertochter streitbar und nimmt selten eine Blatt vor den Mund: 1978 klagt sie gemeinsam mit Alice Schwarzer und Luise Rinser wegen der "Darstellung der Frau als bloßes Sexualobjekt" gegen den "Stern", sie wirbt als Mitglied für den Verein "Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben" und spricht sich mit anderen Intellektuellen und Künstlern für den Wiedereinzug des PDS-Politikers Gregor Gysi in den Deutschen Bundestag aus. Auch ihr Bekenntnis zur Bisexualität sorgt für Furore. Sie sei "immer eine sehr gerade und nicht sehr diplomatische Person" gewesen, sagt sie später.
Nach dem Tod ihres zweiten Mannes 1965 bleibt sie allein. In ihrem letzten Lebensjahr macht sich zunehmend die Altersdemenz bemerkbar. Am 28. April dieses Jahres erleidet sie bei einem Sturz einen komplizierten Oberschenkelbruch. Mitte Mai verlegen sie die Ärzte wegen immer stärkerer Demenzerscheinungen in die Neurologie. Eine Woche später verlässt sie die Klinik und feiert am 30. Mai mit ihren Angehörigen - ihrer Nichte und deren Mutter - sowie mit ihrer Anwältin, ihrem Manager Knuth und dessen Frau ihren 94. Geburtstag.
Schröder: Mutig zu Wort gemeldet
Die Beisetzung soll Knuth zufolge wohl erst in der Woche ab dem 19. Juli stattfinden. Es solle eine Feier "ohne großes Brimborium" werden - so, wie es sich Meysel gewünscht habe. Außerdem habe sie verfügt, dass ihre Leiche verbrannt werden solle. Offenbar habe Meysel, die zuletzt zunehmend an Altersdemenz litt, geahnt, dass es mit ihr zu Ende gehe, sagte Knuth. In ihren letzten Lebenstagen habe sie sich wiederholt gewünscht: "Ich will zu Mama und Papa." Vor dem Einschlafen habe sie ihm noch einmal gesagt: "Ich hab dich lieb."
Bundespräsident Köhler sagte, Deutschland habe eine herausragende Schauspielerpersönlichkeit verloren, die sich in die Herzen der Menschen gespielt habe. Schröder würdigte, dass Meysel sich immer wieder mutig zu gesellschaftlichen Fragen zu Wort gemeldet habe. Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering sagte, die Sozialdemokraten verneigten sich "vor einer großen Künstlerin und treuen Weggefährtin". Kulturstaatsministerin Christina Weiss nannte ihre Frauenfiguren Leitbilder ganzer Generationen und auch FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper würdigte Meysel als Volksschauspielerin, "die das Herz auf dem rechten Fleck trug".
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum








