Sorge um Sohn von Reinhard Mey: Was passiert bei einem Wachkoma?
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 08.09.2009 - 10:02Düsseldorf (RP). Maximilian Mey, 27-jähriger Sohn des Liedermachers Reinhard Mey, liegt seit sechs Monaten im Wachkoma. Seitdem bewegt den Musiker, der oft mit Gitarre am Bett seines Sohnes sitzt, nur eine Frage: Wird der Zustand andauern? Und viele Deutschen fragen sich: Was passiert bei einem Wachkoma?
Der Liedermacher Reinhard Mey hat sich der Nation anvertraut und sie um Rücksichtnahme gebeten. Sein 27-jähriger Sohn Maximilian liege seit sechs Monaten nach einem Herz-Kreislauf-Versagen im Wachkoma, berichtete Mey gestern Abend im TV-Talk von Reinhold Beckmann. Das Leben der Familie habe sich komplett verändert. Er und seine Frau Hella hätten jetzt wieder ein Kind, um das sie sich kümmern müssten. Maximilian Mey teilt das Schicksal von schätzungsweise 10 000 anderen Wachkoma-Betroffenen in Deutschland.
Mey beschrieb ohne Weinerlichkeit, wie sich der unerwartete Sturz seines Sohns aus dem blühenden Leben in die Hilflosigkeit ereignete. Maximilian sei mit seiner Freundin nach einer Feier zu Hause gewesen, habe auf dem Balkon eine Zigarette rauchen wollen und sei zusammengebrochen. Die Freundin habe den Notarzt gerufen, der habe Maximilian reanimiert.
Aber das Gehirn sei zu lange ohne Sauerstoff gewesen – daher der Ausfall von Hirnfunktionen, der im Wachkoma mündete. Wie es zum Kollaps kam, ist im Nachhinein kaum zu ergründen. Mey schildert, sein Sohn habe eine schwere Lungenentzündung "mit drei Keimen" verschleppt; außerdem habe er ein anti-allergisches Medikament genommen, bei dem als seltene Nebenwirkung ein Herzstillstand drohe.
Meys TV-Auftritt, dem eine persönliche Veröffentlichung auf der Homepage www.reinhard-mey.de vorausging, lenkt den Blick auf eine der unwägbarsten neurologischen Störungen: auf das Apallische Syndrom, wie das Wachkoma korrekt heißt. Dabei bricht ein Großteil der Hirnfunktionen zusammen, einige bleiben allerdings erhalten – wie der Name sinnfällig sagt, ist es ein Zustand zwischen Leben und Tod.
Unverändert gilt die Formulierung des Psychiaters Ernst Kretschmer aus dem Jahr 1940, der als erster Arzt einen Wachkoma-Patienten beschrieb: "Der Patient liegt wach da mit offenen Augen. Der Blick starrt gerade oder gleitet ohne Fixpunkt verständnislos hin und her. Auch der Versuch, die Aufmerksamkeit hinzulenken, gelingt nicht oder höchstens spurweise, reflektorische Flucht- und Abwehrbewegungen können fehlen."
Wie günstig oder ungünstig sind die Prognosen von Apallikern? Sicher ist, dass nach einer Minderdurchblutung die Chancen auf Heilung sehr gering sind. Trotzdem gibt es immer wieder reale, keineswegs legendenhafte Fälle, dass ein Patient nach Jahren im Apallischen Syndrom plötzlich aufstehen, gehen und sprechen kann.
Forscher wissen, dass der äußere Zustand eines Wachkoma-Patienten der Täuschung unterliegen kann. Dass sie mehr spüren, als man vermutet, glaubt der Tübinger Hirnforscher Niels Birbaumer. Manche gleiten allmählich in einen "Zustand minimalen Bewusstseins", wie die Mediziner sagen. Zwar können die Patienten Gedanken oder Gefühle immer noch nicht kommunizieren. Doch unter Umständen erfolgen einige ihrer Bewegungen nicht mehr rein reflexhaft. Das bestätigen auch neue Erkenntnisse des Neurologen Steven Laureys (Universität Lüttich).
Mey wacht derzeit häufig am Bett des Sohnes und übt "basale Stimulation". So nennt man die Kontaktaufnahme über niederschwellige, archaische Sinnesreize wie Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen. Oft bringt der Vater die Gitarre mit, singt Maximilian vor und hofft, dass der ihn hört. Der für seinen Sohn musizierende Vater am Bett: Das erinnert an die letzten Zeilen von "Vaters Nachtlied", die Mey für sein neues zweites Vater-Leben revidiert hat: "Ganz sicher aber hab' ich heute nicht mit dir gesungen / Und einen Tag, der niemals wiederkommt, mit dir versäumt."
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