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  Gast

UN-Friedenspreisträgerin Bibi Russell bei der cpd: Bengalischer Dorfzauber statt Campbell und Schiffer

VON KATHRIN BÖHME UND HEIKO HEROLD - zuletzt aktualisiert: 31.01.2005 - 00:40

Dhaka (rpo). Ihre exotische Erscheinung prägte das Image von Armani und Vogue. Sie beschritt den Catwalk zusammen mit Naomi Campbell und Claudia Schiffer. Vor knapp vierzehn Jahren verließ die studierte Modedesignerin Bibi Russell den Laufsteg, um in ihrer Heimat Bangladesch einen lang gehegten Traum zu verwirklichen: "Bibi Productions", das Label der UN-Friedenspreisträgerin, will altes bengalisches Kulturgut schützen, wie die Technik der Weberei und der Naturfärberei.

Seit Sonntag stellt Bibi Russell ihre Winter-Kollektion auf der weltgrößten Modemesse cpd_woman_man_kidz in Düsseldorf vor. Vorab hatten die RP Online-Mitarbeiter Kathrin Böhme und Heiko Herold die Möglichkeit, mit der Modedesignerin und Sozialunternehmerin in ihrer Heimat Bangladesch über ihre neue Kollektion und den UN-Friedenspreis zu sprechen. Der Preis wurde ihr vor wenigen Wochen in Spanien für ihr außergewöhnliches Engagement in ihrer Heimat verliehen. Allein in ihren Werkstätten finden knapp 20.000 Menschen der armen Bevölkerung Bangladeschs einen Arbeitsplatz.

Frage: Miss Russell, Sie sind soeben aus Madrid wiedergekommen. Der UN-Friedenspreis ist nur eine von unzähligen hochkarätigen Auszeichnungen, mit denen in den vergangenen Jahren ihre Arbeit gewürdigt wurde. Was bedeuten all diese Ehrungen Ihnen persönlich und im Besonderen für Ihre Arbeit?
Bibi Russell: Diese Auszeichnungen verändern nichts in dem Sinne, dass sie die Armut der Menschen lindern. Aber sie geben mir Ansporn, denn meine Arbeit soll ein Bild Bangladeschs vermitteln. Ich zeige, dass auch Schönheit in der Armut ist, nicht nur Elend, denn diese Menschen können mit ihren Händen zaubern. Es gibt viele Dinge von ihnen zu lernen. Die Medien zeigen nur, dass diese Menschen arm, ungebildet und in schlechtem gesundheitlichen Zustand sind. Aber warum sind sie ungebildet, unsere Grundschulbildung ist kostenlos? Weil sie Geld verdienen müssen, um zu überleben.

Wenn sie den Kreis der Armut verlassen wollen, müssen sie ausgebildet werden. Nach einiger Zeit wird ihnen von selbst klar, dass sie wiederum ihre Kinder zur Schule schicken müssen. All diese Entwicklungen zeige ich in meiner Arbeit. Aber sie haben mich gefragt, was mir der UN Friedenspreis bedeutet. Dieses Jahr war aufgrund der schweren Flutkatastrophe ein sehr schlimmes Jahr. Während jener Zeit habe ich meine eigene Arbeit niedergelegt, habe nichts verkauft und wollte stattdessen vor Ort sein, um den Betroffenen zu helfen. Ich habe gearbeitet bis ich nahezu krank war. Mein Arzt sagte mir, ich sei dehydriert, denn ich habe Tag und Nacht beim Wiederaufbau geholfen. So konnten sie wenigstens einige Produkte auf dem Eid Markt verkaufen. (Eid ul Fitre ist ein wichtiges religiösen Fest, mit welchem das Ende des Fastenmonats Ramadan gefeiert wird.)

Nach all den Anstrengungen kam dann der Brief, indem stand, dass sie mir den UN-Friedenspreis verleihen möchten. Die sind verrückt, dachte ich, ausgerechnet mir diese Auszeichnung zu geben, was ich ihnen auch sagte. Aber der Preis kam in einem Moment, als ich Unterstützung brauchte und nicht nur ich, sondern auch die Menschen, mit denen ich arbeite. Und jetzt sehe ich mein Bild neben dem von Gorbatschow oder Hans Blix, Personen, deren Arbeit ich sehr bewundere. Verrückt! (Sie lacht und blättert in dem dunkelblauen Journal der bisherigen UN-Friedenspreisträger)

Auch Ihre Arbeit ist wie die der anderen Preisträger in einer Philosophie verwurzelt, nämlich die Lebenssituation der traditionellen Weber Bangaldeschs verbessern zu wollen. Mit Erfolg, knapp 20.000 von ihnen haben durch ihre Produktion einen Arbeitspatz gefunden. Wie schätzen Sie persönlich Ihr bisher Erreichtes ein?
Bibi Russell: In erster Linie bin ich Designerin. Ich kam nach Bangaldesch zurück, um die traditionelle Handwerkskunst zu schützen und teilweise auch wiederzubeleben. Mein Slogan ist: Mode für die Entwicklung, und Mode ist für mich Kultur. Überall in der Welt tragen Menschen ein Stück ihrer Kultur mit sich, sie schützende Kleidung. Kultur ist also lebenswichtig. Als UN-Botschafterin und auch schon voher bin ich viel in der Welt gereist. Dabei habe ich immer ein besonderes Augenmerk auf die Handwerkskunst gelegt.

Nun, sie sind hier, um über meine Arbeit zu sprechen. Alle meine Entwürfe werden von den Dorfbewohnern gefertigt. Sie haben magische Hände. Ihnen ein wenig Selbstvertrauen in ihre Fähigkeiten zu geben hat nichts mit Wohltätigkeit zu tun. Ich glaube nicht an Wohltätigkeit und gebe keine Almosen wie viele NGOs (Non-governmental organisations). In die Dörfer zu gehen und die Menschen etwa nach ihren intimsten Dingen wie die Sexualität zu fragen, nimmt ihnen ihre Würde - oder würden Sie über ihre sexuellen Handlungen mit irgendeinem Fremden sprechen?

Was ich diesen Menschen gebe, ist mein Wissen. Ich zeige ihnen, wie sie sich selbst aus der Armut befreien können und verkaufe nicht ihre Armut. Es ist vielmehr ein Geben und Nehmen. Beide Seiten tun das, was sie am Besten können. Ohne die Fertigkeiten der Weber kann ich nicht arbeiten. Design und Marktforschung sind meine Hilfe für die Armen. Ich denke nicht, dass ich bis jetzt genug erreicht habe, denn ich stehe immer noch auf der ersten Stufe der Leiter - egal, was die Statistiken sagen. Für mich ganz persönlich habe ich jedoch sehr viel bekommen, nämlich die Liebe und das Vertrauen dieser Menschen. Das ist für mich unbezahlbar.

War es schwierig für Sie, „Bibi Productions“ auf dem europäischen Markt zu etablieren?
Bibi Russell:
Es war nicht allzu schwierig für mich, denn ich hatte bereits meinen Namen, meine Studien und viele Erfahrungen in Euopa gemacht. Das war damals ein hartes Training für mich, denn ich verstand, dass ich aus Bangladesch kam und deshalb nur eine Chance bekommen würde. Du hast zu beweisen, dass du es kannst, sonst bist du draußen. Ich glaube nicht, dass dieses Training eine negative Erfahrung war. Aber ich habe viel Zeit gebraucht um herauszufinden, dass es für ein bengalisches Mädchen nicht einfach ist Kontakte zu knüpfen.

Heute hilft mir das Training harte Arbeit zu bewältigen. Ich habe zwanzig Jahre gebraucht meine Lektionen zu lernen. Danach habe ich meinen Traum verwirklicht und bin zurück gekommen. Ich wusste, dass ich dafür die nötige weltweite Unterstützung haben würde, auch die der Medien. Im Jahre 1994 bin ich nach Bangladesch zurück gekehrt, meine erste Kollektion habe ich 1996 veröffentlicht. Die Show wurde auf neunundzwanzig Fernsehkanälen direkt übertragen.

In letzter Zeit haben die Medien verstärkt über das demnächst auslaufende Multifaser-Abkommen berichtet. Experten befürchten eine Krise für die bengalische Textilindustrie. Welche Konsequenzen befürchten Sie für Ihr Unternehmen?
Bibi Russell:
Das Problem ist, dass wir auf dem Weltmarkt in Konkurrenz treten müssen. Dafür müssen wir vorab das Design und die Qualität der bengalischen Produkte verbessern. Mich persönlich wird die befürchtete Krise weniger betreffen, ich habe professionelles Design studiert und glaube mit anderen Anbietern konkurrieren zu können. Dafür war ich in Europa, ich habe dort sehr viel gelernt. Aber ich mache mir Sorgen um die bengalische Textilindustrie, dort sind die meisten Frauen angestellt.

Was wird mit diesen Menschen geschehen? Wir wissen schon länger über die bevorstehende Krise bescheid. Wir sollten anfangen uns den Gegebenheiten des Marktes anzupassen, einen Schritt vorwärts gehen, unser Design verbessern und für unsere Produkte werben. Jedoch ist Design eine Art Bildung und es gibt nur eine handvoll Schulen. Wir brauchen mehr ausgebildete Designer, nicht nur angeworbene, ausländische Experten. Seit Jahren wird darüber debattiert, wie man der bevorstehenden Krise entgegenwirken kann und trotzdem sind wir noch nicht vorbreitet.

Ich war bei keiner der Sitzungen, denn ich bin der Meinung, dass wir uns stattdessen auf die Konkurrenz vorbereiten sollten. Viele Länder haben wundervolle Handwerkskunst, also kann ich nicht nur herumsitzen und jammern, dass die anderen ihre Produkte verkaufen, ich aber nicht. Das liegt nicht daran, dass ich aus Bangladesch komme, sondern daran, dass ich in der Lage sein muss, mit ihnen zu konkurrieren.

Haben sie jemals darüber nachgedacht eine Schule für Design zu eröffnen, um ein Exempel zu statuieren?
Bibi Rusell:
Bis jetzt noch nicht. Sehen Sie, ich arbeite mit dem Volk und habe wirklich keine Zeit, eine Schule zu leiten. Das hieße auch Engagement zeigen. Ich kann ja nicht einfach nur ein Institut gründen ohne dort unterrichten. Ich bin fast nie in Dhaka, sondern meistens in den Dörfern. Wer also soll die Studenten unterrichten? Ein Professor für Öknomie kann kein Design lehren. Ich hatte das Privileg eine Ausbildung in Europa genießen zu können. Was ich in diesen zwanzig Jahren gelernt habe, gebe ich jetzt zurück. Ich möchte noch mehr Menschen, mehr Verständnis und mehr Märkte erreichen.

In Bangladesch leben nahezu 140 Millionen Menschen und meine Aufgabe ist es, mit der Landbevölkerung zu arbeiten, das sind knapp 80 Prozent von ihnen. Momentan erreiche ich nicht einmal ein Prozent. Im Übrigen stelle ich nicht nur Kleidung her, sondern ebenso Papier, Juteprodukte, Schmuck und viele andere Handwerkssachen.

Wie aber vermitteln Sie Ihrer Ansicht nach Bildung?
Bibi Russell:
Ich habe keine eigene Schule, sondern ich stelle sicher, dass, oder besser gesagt ich ermuntere Kinder wieder in die Schule zu gehen. Bildung und Gesundheit sind das Wichtigste. Ich betreue sechzig Kinder, die früher in Fabriken gearbeitet haben. Sie verkaufen jetzt Blumen, sonst hätten ihre Eltern sie wieder in die Fabrik geschickt. Bis auf zwei gehen alle zur Schule, aber ihre Familien sind auf den Lohn angewiesen. Europäer finden es problematisch, dass Kinder etwas auf der Strasse verkaufen. Darum lassen Sie mich erklären, weshalb diese Kinder arbeiten.

Ich bin die Erste, die gegen Kindesmissbrauch, sexuellen Missbrauch oder Ausbeutung von Kindern kämpfen würde. Aber diese Kinder kämpfen ums Überleben, aber sie müssen auch gut ausgebildet werden. Natürlich möchte niemand, dass Kinder arbeiten, aber diese Kinder müssen arbeiten. Ich stelle sicher, dass, wenn ein Weber sein Handwerk ausübt, die Kinder neben ihm sitzen und das Handwerk erlernen. Es hat sehr lange gedauert, die alten Traditionen wieder zu beleben, denn die Leute hatten sie vergessen.

Auch wenn alle denken, dass ich eine Expertin darin bin, ich kann nicht weben. Niemand hat es mir in meiner Kindheit gezeigt. Man braucht zwei Hände, zwei Füße und zwei Augen, um es zu beherrschen. Was diese Menschen in einer Stunde tun, dafür brauche ich einen Tag und selbst dann mache ich es nicht korrekt, denn es braucht viel Übung. Deshalb müssen sie lernen, andernfalls wird das alte Handwerk aussterben. Unsere Kinder sind unsere Zukunft.

Sie haben augenscheinlich eine starke Beziehung zum, wie sagt man, „einfachen Volk“, obwohl Sie eigentlich der höheren Bevölkerungsschicht entstammen. Woher kommt diese empfundene Bindung?
Bibi Russell:
Durch meine Eltern. Sie haben mir sehr früh gezeigt, wie man mit beiden Beinen auf den Boden steht und auch dort bleibt. Dies hat mir während meiner Zeit als Modell sehr geholfen und ist für mich auch jetzt noch ein wichtiger Leitfaden als Designerin.

Was inspiriert sie bei Ihrem Design?
Bibi Russell:
Das Lachen der Menschen, die Natur, die Sonne… Ich ziehe mich meist für mehrere Tage, manchmal sogar Wochen aufs Land zurück, um mit den Menschen dort zu arbeiten. Ich sitze in der Sonne und zeichne meine Entwürfe. Gemeinsam diskutieren wir dann meine Vorschläge, manchmal haben die einfachen Handwerker auch viel besser Ideen. Ich wohne in keinem Hotel, sondern direkt mit den Menschen in ihren einfachen Lehmhütten. Die Bengalen sind für ihre Gastfreundschaft bekannt, so reise ich viel durchs Land.

Ihre bengalischen Wurzeln finden sich in ihrer Arbeit unverkennbar wieder. Welche Erfahrungen aus Europa binden sie in ihre Arbeit ein?
Bibi Russell:
Ich habe sehr viel Zeit mit bloßer Marktforschung verbracht. Textilkunde war mein zweites Hauptfach an der Universität. Ein gutes Design setzt gute Materialien voraus. Es gibt entsprechende Produktionsrichtlinien in der ganzen Welt. So dürfen etwa bestimmte Chemikalien nicht verwendet werden, da sie allergische Reaktion oder Krebs auslösen. Natürlich bedeutet Marktforschung auch, Konkurrenz auszuloten und einen eigenen Markt zu schaffen.

Ich kann auch nicht jede Saison das gleiche anbieten. Ich habe nach verschieden Möglichkeiten gesucht, mir einiges abgeschaut, aber nie kopiert. Die Handwerkskunst Indiens, Afrikas und Lateinamerikas werden sie in meinem Design finden, aber keine platte Kopien darin entdecken. Ich lebe in Bangladesch, ich bin ein bengalisches Mädchen, ich kenne Bangladesch und ich bekomme hier viel Unterstützung für meine Arbeit. Obwohl ich durch und durch Bengalin bin, liebe ich die Handwerkskunst und die Handwerker auf der ganzen Welt, und darum kopiere ich sie nicht.

Sie verkaufen Ihre Modelinie auch in Europa. Welchen Kompromiss finden Sie zwischen dem sehr verschiedenen Geschmack der Asiaten und der Europäer?
Bibi Russell:
Mein Design ist grundsätzlich sehr europäisch. Manchmal fertige ich Saris an, die ich nicht unbedingt verkaufen muss. Wenn ich zu eher formellen Empfängen gehe, dann trage ich gewöhnlich einen Sari.

Wo kann man Ihre Mode in Deutschland kaufen?
Bibi Russell:
Bis jetzt verkaufe ich meine Mode in Deutschland nicht. Aus diesem Grund habe ich eine Einladung, meine neue Winterkollektion im Januar in Düsseldorf zu zeigen. Ich bin noch unentschieden, denn ich würde lieber meine Sommerkollektion zeigen, da ich die neue Winterkollektion für eine meiner weniger starken halte. Ich möchte die Menschen in Deutschland, die so fest an mich glauben, nicht enttäuschen.

Bibi Russell hat die Einladung angenommen und ihre neue Winterkollektion auf der weltgrößten Modemesse cpd_woman_man_kidz in Düsseldorf vorgestellt. Sie hat die Präsentation persönlich begleitet.


 
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