Welle der Begeisterung: Poker - raus aus dem Hinterzimmer
VON JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 04.03.2007 - 11:22Düsseldorf (RP). Das Spiel um Full House und Royal Flush ist gesellschaftsfähig geworden. Stefan Raab zockt gegen Prominente, das Fernsehen überträgt Turniere, und im Internet gehen täglich Millionen Euro über die virtuellen Tische. Aber Experten warnen: Schnell kann das Spiel zur Droge werden.
Spielort: ein Konferenzraum in einem kleinen Hotel in Hilden. Auf dem grün bezogenen Tisch liegen zwei Karten, ein As und eine Acht. "Was würden Sie mit einem solchen Blatt machen", fragt Poker-Dozent Thomas Dellenbusch (42) in die Runde.
Die meisten am Tisch hätten mit einem solchen Startblatt bei der Pokervariante Texas Hold’em wohl den Einsatz für die erste Bieterrunde bezahlt. Schließlich ist ein As die höchste Karte im Spiel. "So etwas werfen Sie weg", sagt Dellenbusch und macht seine Zuhörer mit den goldenen Regeln des Pokerns bekannt. Deren erste lautet: Von 169 möglichen Anfangs-Kombinationen sind nur 49 erfolgversprechend. Ein As und eine Acht gehören nicht dazu. Also: Aussteigen.
"Rhinepoker" nennt sich die Pokerschule, die Dellenbuschs Frau Sandra führt. Das junge Unternehmen kann sich vor Anfragen derzeit kaum retten. "Das ist schon Wahnsinn, was da läuft", sagt Ex-Polizist Dellenbusch. Der Laden brummt. 29 Euro nimmt der Hildener für einen Einführungs-Lehrgang, fürs Fortgeschrittenen-Seminar sind schon 199 Euro fällig, und der mehrtägige Intensiv-Workshop mit Profispieler Michael Keiner schlägt mit 2880 Euro zu Buche.
Poker hat sein Image geändert
Seit etwa einem halben Jahr rollt eine Poker-Welle durchs Land, die mit jedem Monat mehr anschwillt. Poker, ein Spiel mit zweifelhaftem Leumund für zwielichtige Gestalten, hat die Hinterzimmer verlassen. "Zu uns kommen junge Männer, die studieren oder fest im Berufsleben stehen", sagt Dellenbusch.
Sie alle wollen lernen, wie man sich in Turnieren gegen die Konkurrenz behauptet: im wirklichen Leben oder online, wo mit dem virtuellen Kartenspiel Millionen gemacht werden. Jeder Seminarteilnehmer kennt die Geschichte von dem Spieler, der sich über ein Online-Turnier für die World Series in Las Vegas qualifizierte und da den Weltmeister-Titel gewann.
Davon ist Pokerschüler Daniel Boden (22) noch weit entfernt. Der Telekommunikationselektroniker aus Hilden hat bislang fünf Turniere bestritten. Jeden zweiten Abend zockt er online. "Keine großen Summen", sagt er. "Im Schnitt gebe ich nicht mehr als 20 Euro pro Monat aus." Einmal in der Woche trifft er sich mit Freunden zur Pokerrunde am grünen Tisch. Ehe er nach Aachen oder Duisburg ins Spielcasino fährt, wo legal um große Summen gespielt wird, möchte er noch viele Fachbücher lesen und Partien spielen.
"Schlacht der Fehler"
Poker-Fans sind sich einig: Wer auf Dauer Erfolg haben will, braucht mehr als Glück. "Poker ist eine Schlacht der Fehler", sagt Marc Pauly (27) aus Remscheid. "Man muss lernen, diese Fehler zu vermeiden." Der 27-jährige Industriekaufmann spielt seit eineinhalb Jahren Online-Poker. Vor zwei Monaten hat er sein erstes Live-Turnier gewonnen.
Bei solchen Veranstaltungen sind in Deutschland außerhalb der offiziellen Casinos nur Sachpreise zu gewinnen. Aber im Internet, berichtet Pauly, habe er an einem Abend auch schon um dreistellige Summen gespielt. Spielwarenladen-Besitzer Markus Biskup (36) aus Leverkusen hat die Marktnische Poker erkannt. Er gründete im vergangenen Jahr einen Online-Versand für Poker-Zubehör.
Inzwischen sei der Umsatz mit den Poker-Utensilien größer als der mit Spielwaren. "Am besten geht der Chip-Koffer für 670 Euro", berichtet Biskup. Bald will er auch Pokertische anbieten. Die hat Marktführer Animazing aus Regensburg schon im Programm. Die Preisliste führt der Tisch "Herrmann Gaming TV-1" an. Preis: 3950 Euro.
Verena Verhoeven aus Neuss, Leiterin der Caritas-Fachabteilung Glücksspielsucht, dagegen sieht den gesellschaftlichen Aufstieg des Pokerns mit Sorge: "Seit einem halben Jahr bekomme ich immer mehr Anrufe von besorgten Eltern und Lehrern, die entdecken, dass Kinder und Jugendliche Online-Poker spielen. Oft verlieren die jungen Leute hohe Beträge. Ich kenne einen Lehrling, der so über 10000 Euro Schulden angehäuft hat."
Verhoeven: Live-Turniere verbieten
Für die Neusser Sozialarbeiterin ist klar: "Poker ist kein Kompetenz-, sondern ein Glücksspiel, das süchtig macht. Es gewinnt einfach der, der die besten Karten hat." Ihrer Meinung nach sollten Behörden Live-Turniere verbieten. "Am schlimmsten aber", sagt Verhoeven, "sind Online-Spiele, denn dabei fehlt jede soziale Kontrolle."
Suchtopfer sind fast ausschließlich junge Männer. Frauen sind nur selten betroffen. Warum ist das so? "Poker ist ein aggressives Strategiespiel", antwortet Poker-Lehrer Dellenbusch. "Das kommt Männern eher entgegen." Schließt aber nicht aus, dass auch Frauen Erfolg haben. Seine eigene hat es bewiesen: Sandra Dellenbusch (35) belegte vor kurzem bei einem Turnier den dritten Platz. Preisgeld: 2700 Euro.
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