Studie von Ernährungswissenschaftlern: Der mobile Esser lebt ungesund
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 07.01.2011 - 17:40Düsseldorf (RP). Eine aktuelle Studie zum Essverhalten zeigt: Der „Mobile Eater“ von heute mag es gerne zwischendurch – und plagt sich dabei mit schlechtem Gewissen. Ernährungswissenschaftler weisen tatsächlich auf die gesundheitlichen Nachteile einer solchen einseitigen Ernährung hin.
Die Zeiten, als fast alle sich mittags mit einem zünftigen „Mahlzeit“-Gruß in der Kantine getroffen haben, sind vorüber. Jetzt essen die einen um 12 Uhr, die anderen treffen sich nachmittags an der Sushi-Bar, und einige essen mittags gar nichts mehr. Der Alltag hat weniger klare Strukturen als früher, und das wirkt sich, wie jetzt eine Nestlé-Studie unter Federführung des Allensbach-Instituts herausgebracht hat, auch auf die Ernährung aus.
Die Meinungsforscher führten insgesamt 4203 Interviews und stellten dabei fest, dass der heutige Alltag mit seiner Forderung nach Flexibilität auch einen neuen, besonders flexiblen Ess-Typen hervorgebracht hat – den mobilen Esser. Sein Kennzeichen: Er isst meistens nicht, wenn er Hunger hat, sondern dann, wenn er gerade Zeit dafür hat. Da wird dann eben das Frühstück in der kurzen Pause zwischen zwei Vormittags-Meetings verzehrt und das Mittagessen geschieht en passant auf dem Weg zum Bahnhof.
Singles essen öfter Snacks
Speziell unverheiratete Singles neigen sogar dazu, ihre Hauptmahlzeiten komplett durch kleinere Snacks zu ersetzen. Psychologen warnen freilich vor solchen Auswüchsen des fremdbestimmten Mobile Eating. Man verliere durch diese „Zwischendurch-Snack-Kultur“, so Ernährungspsychologe Christoph Klotter von der Hochschule Fulda, den Überblick, „was und wie viel man eigentlich gegessen hat“. Wer nicht mehr auf seine eigenen Appetitsignale hört und die Nahrungsaufnahme irgendwie in seinen Alltag hineinpresst, anstatt sich bewusst Zeit dafür zu nehmen, verliert die Kontrolle über seine Essgewohnheiten – und isst am Ende möglicherweise mehr, als ihm guttut.
So weiß man aus Studien an Übergewichtigen, dass sie ihre tatsächliche Kalorienaufnahme oft unterschätzen, weil sie sich an ihre beiläufigen Nebenher-Mahlzeiten schlichtweg nicht erinnern können. Hinzu kommt, dass sich durch das fremdgeleitete Gelegenheitsessen auch die Qualität der Nahrung verschlechtert. In der Nestlé-Studie gab mehr als ein Fünftel der Menschen mit unregelmäßigem Tagesablauf zu, sich oft zu einseitig zu ernähren. Ein Fünftel der Frauen und ein Viertel der Männer essen zu wenig Gemüse, eine etwa gleich große Anzahl klagte über eine mangelhafte Vitaminzufuhr. Stattdessen essen die Mobile-Eater doppelt so oft Fast Food wie diejenigen, die einen regelmäßigen Tagesablauf besitzen.
Schlechtes Gewissen isst mit
Insgesamt beklagen etwa 50 Prozent der Befragten, dass sie es nur am Wochenende schaffen, sich so zu ernähren, wie sie es sich eigentlich wünschen. Man spart sich also das gesunde Essen für die arbeitsfreie Zeit auf – was natürlich in der Summe, bei einem deutlichen Überhang an Arbeitszeit, auf ein erhebliches Defizit ausläuft. Ein Defizit freilich, das sich nicht unbemerkt entwickelt. Dies zeigt allein die Tatsache, dass die Betroffenen in der Studie offen über ihre Ernährungsmängel berichten.
Zudem betonen knapp zwei Drittel von ihnen, dass gute Ernährung in ihrem Leben eine große Rolle spielt. Dies stimmt einerseits optimistisch, was das Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung angeht, bedeutet andererseits aber auch, dass eine gute Ernährung zwar vielen Menschen wichtig ist, doch nur wenige es auch schaffen, sie in ihren Alltag zu integrieren. Sie essen stattdessen lieber schlecht – und haben auch noch ein schlechtes Gewissen dabei.
Von diesem schlechten Gewissen profitieren die Anbieter von Vitaminpräparaten und „Lebensmitteln mit gesundheitlichem Zusatznutzen“, also Functional Food. Denn mit ihnen hoffen die Konsumenten bequem und zeitsparend ihre Ernährungsdefizite kompensieren zu können. Mehr als drei Milliarden Euro jährlich gibt der Bundesbürger für Multivitaminsäfte, cholesterinsenkende Margarinen, Schokolade mit Granatapfelfüllung und andere angereicherte Nahrungsmittel aus.
Auch der aktuelle Boom des Smoothies lässt aus der Kombination von Bequemlichkeit und schlechtem Gewissen erklären, die sich beim Kunden breitgemacht hat. Das Ganzfruchtgetränk ist keinesfalls besser, dafür aber erheblich teurer als das Obst im Komplettformat. Doch für Verzehr eines Smoothies braucht man weniger als eine halbe Minute, während zum Schälen und Essen einer Apfelsine schon mal eine ganze Frühstückspause draufgehen kann und danach meistens auch noch die Finger kleben. Und das ist ganz und gar nicht im Sinne des mobilen Gelegenheitsessers.
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