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40 Tage lang Verzicht: Die Lehre des Fastens

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 17.02.2010 - 14:25

(RP). Am Aschermittwoch beginnt die 40-tägige Fastenzeit. Sie ist eine Vorbereitung auf das Osterfest und die Auferstehung Jesu. Aber auch außerhalb der christlichen Kirchen ist der bewusste Verzicht beliebt – als ein Zeichen des Wandels und der Einkehr.

Auf diese Entsagung kann man sich sogar schunkelnd einstimmen: Dass am Aschermittwoch alles vorbei sein soll, singt man an Tagen, an denen noch alles möglich ist. Dieser Ausblick auf die bevorstehende Fastenzeit ist als Kontrastprogramm darum nur eine minimale Trübung des allgemeinen Frohsinns.

Das Fasten ist ein Phänomen unserer Zeit. Denn obwohl seine christlichen Wurzeln immer weniger bekannt sind und viele Menschen gar nicht mehr interessiert, ist die Form des Fastens ausgesprochen beliebt. Jeder vierte Deutsche wird sich ab heute sieben Wochen lang im Verzicht üben – auf Süßes etwa, auf Alkohol oder Zigaretten, aber auch auf den "Tatort" (wozu eine Berliner Gemeinde aufruft) oder auf überflüssiges Licht, wie es der Bund der Deutschen Katholischen Jugend mit seiner CO2-Fastenaktion bezweckt.

All die vielen neuen, bisweilen modischen Formen des Fastens lenken unsere Aufmerksamkeit ein klein wenig ab vom ursprünglichen Ziel der Entsagung. Denn im eigentlichen Sinne ist die 40-tägige Fastenzeit die Vorbereitung auf das Osterfest, auf die Auferstehung Jesu von den Toten. So soll der Katholik an den Bußtagen kein Fleisch warmblütiger Tiere essen, an Aschermittwoch und Karfreitag ist überdies nur eine Hauptmahlzeit erlaubt.

Aber auch die 40 Tage bis zum Osterfest umschließen den Fastenden mit der biblischen Geschichte: 40 Tage regnete es während der Sintflut, 40 Jahre zogen die Israeliten durch die Wüste, 40 Tage fastete auch Mose. Diese Symbolkraft ist der lange Arm der Bibel.

Wer entbehrt – in welcher Form und welchem Umfeld auch immer –, trifft dennoch immer auch das Wesen des Fastens: Bewusst verzichte ich auf etwas, das doch möglich ist, machbar oder konsumierbar. Es ist ein Entbehren in eigentlich luxuriöser Lage, indem ich einen Mangel erst herbeiführe. Die Erfahrung, die ich dann mache, ist eine Umkehrung von materiell bestimmten Werten. Die anfängliche Verlusterfahrung wandelt sich zum Erlebnisgewinn.

Es geschieht also etwas mit uns am Aschermittwoch. Heute wird aufgeräumt, im privaten Leben vielleicht, lautstark in der Politik in den Veranstaltungen zum politischen Aschermittwoch oder – etwas leiser – beim Sozialpolitischen Aschermittwoch der Kirchen. An diesem Tag wird nicht alles neu, aber manches anders. Etwa das Verhältnis zueinander wie beim Aschermittwoch der Künstler, den es jetzt seit sechs Jahrzehnten gibt und der der Beziehung von Kirche und Kunst neue Impulse geben soll. Mit "Das Ephemere" ist die Zusammenkunft dieses Mal im Kölner Kolumba-Museum überschrieben – der Zwischenraum, den es zu füllen, zu überbrücken oder vielleicht auch zu bewahren gilt.

Nicht immer also steht der wirkliche Verzicht im Vordergrund. Und die traditionelle Fastenaktion der Evangelischen Kirche in diesem Jahr meint diesmal gar das Gegenteil: "Sieben Wochen ohne Scheu" ist das Motto, mit dem zu Begegnungen aufgefordert wird oder auch zu Liebeserklärungen, die, so die Initiatoren, wirklich noch gesprochen und nicht per Mail oder SMS verschickt werden.

Die Aktion zeigt auch, dass Fasten nicht etwas fürs stille Kämmerlein und kein heimlicher Ausweis eigener Disziplin sein muss. Dem Fasten wohnt keinerlei Sportsgeist inne. Es ist eine Bereitschaft zum Wandel und im Blick auf das Osterfest auf die Zukunft ausgerichtet; es weckt also Erwartungen. "Mit der Hoffnung kommt die Zukunft in die Gegenwart", schreibt der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, als Impuls zur diesjährigen Fastenzeit.

Natürlich ist die Entbehrung eine Umstellung, der Abschied von lieben Gewohnheiten. Das ist die Präambel des Fastens, sein Zentrum ist der Aufbruch. Der ist nicht laut, sondern leise, nicht forsch, sondern besinnlich. Weil ihm nämlich noch eine andere Erkenntnis innewohnt: die der eigenen Vergänglichkeit. So zeichnet heute der Priester die Stirn der Gläubigen mit Asche und erinnert sie daran: "Bedenke, o Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst!" Damit wird eingeübt, was uns alle am Lebensende erwarten wird: der letztgültige Verzicht auf die Welt.

Diese Mahnung ist zugleich eine Art Entschlackung unserer Lebenssicht. Sie ändert unsere Haltung, kann den gelebten Augenblick wieder wertvoll machen. Die Welt wird durch unser Fasten zwar nicht reicher, nicht gerechter, nicht zukunftsfroher. Wir aber sind es, die sich verändern, die eine neue Perspektive auf die Welt um uns herum gewinnen. Mit Entbehrung und Verlust haben die 40 Tage dann nichts mehr zu tun.

Quelle: RP

 
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