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Wo sich die süße Last versteckt: Steuern auf Zucker – Die erzwungene Gesundheit

VON TANJA WALTER - zuletzt aktualisiert: 08.12.2012 - 16:06

Berlin/Düsseldorf (RPO). Schon mit der Muttermilch ist es vielen süß und schmackhaft in den Magen geronnen. Die Lust nach dem süßen Etwas werden wir ein Leben lang nicht mehr los. Über 35 Kilogramm Zucker verzehrt jeder Bundesbürger pro Jahr. Pro Tag sind es fast 100 Gramm – doppelt so viel wie eine gesunde Ernährung vorsieht.

Da tun sich viele schwer: Nicht nur da, wo Zucker draufsteht, ist auch Zucker drin. Denn Zucker hat viele Namen. Ein Problem, das viele Verbraucher annehmen lässt, in seinem Produkt seien sie nicht drin, die süßen, weißen Kügelchen. Ein Glas Marmelade, das von außen so schön fruchtig aussieht, besteht zu drei Viertel aus Zucker. Auch in der herzhaften Leberwurst versteckt sich Zucker, den wir zu uns nehmen, ohne es zu ahnen. So kommt es, dass ein einziges Kind rund 25 Kilo Zucker jedes Jahr vernascht. Nicht nur in Süßigkeiten, ganz offensichtlich, sondern in Wurst, Chips und Cerialien. Vom Mund aus nimmt der weiße Stoff seinen Weg durch den Körper, wandert vom Magen in den Darm und wird von dort aus ins Blut abgegeben und versorgt er unseren Organismus mit Energie.

Warum uns Süßes magisch anzieht

Dass viele Menschen so große Mengen zu sich nehmen, liegt zum Teil am Stoff selbst. "Zucker kann ähnlich wie eine Sucht wirken, er macht Appetit auf mehr", sagt Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) aus Berlin. Der Grund: Zucker gelangt ohne Umwege direkt in die Blutbahn, treibt den Blutzuckerspiegel hoch und lässt ihn ebenso schnell wieder abfallen – mit dem Ergebnis, dass sich der Hunger erneut meldet. Zudem ist die Empfänglichkeit für Süßes im Menschen angelegt. "Süße signalisiert uns seit Jahrtausenden, dass Nahrung nicht giftig ist", erläutert Garlichs. Und immer weiter geben wir uns der Lust auf Süßes hin und essen, was das gesunde Maß überschreitet. So viel brauchen wir nicht.

Viele Namen für ein und dasselbe

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt 50 bis 60 Gramm jeden Tag. Damit meint sie aber nicht nur den weißen Zucker, den wir zum Süßen verwenden, sondern auch Zucker in anderen Formen: Fruchtzucker, Traubenzucker, Honig, Dicksaft, Sirup, Dextrose, Saccharose, Maltodextrin, Lactose, Invertzuckersirup, Dextrin, Glucose oder Fruchtmark. Wer aufmerksam liest, kann das süße Chamäläon selbst entdecken: gerne enden die uns unbekannten Zuckerstoffe auf "-in" oder "-ose". So verbergen sie sich auch auf Zutatenlisten von Fertiggerichten, Tomatenketchup und Lebensmitteln, die wir eigentlich für gesund halten. Müsli ist eines davon. Locker stecken in nur 100 Gramm einer handelsüblichen Müslimischung acht Stücke Würfelzucker.

Hier versteckt sich der Zucker

"In vielen Fertigprodukten stecken erhebliche Mengen Zucker, ohne dass sich die Konsumenten dessen bewusst wären", erklärt Dr. Dietrich Garlichs. Nicht nur in Schokolade, Eis oder Softdrinks, sondern auch in Ketchup, Schinken oder Brot versteckt sich Zucker. Ein einfacher Selbsttest zeigt es. Wer schon einmal länger auf einem einzigen Stück Brot herumgekaut hat, der bemerkt irgendwann, wie das Brot beginnt, süß zu schmecken. Es ist die Stärke, die unser Körper schon im Mund beginnt in Zucker umzuwandeln. Zucker steckt also in weit mehr als in Süßigkeiten. Die Folgen sind Übergewicht, Diabetes und Herzkreislauf-Erkrankungen.

Gefördert wird das durch den Umstand, dass viele Lebensmittel mehr Zucker enthalten, als den Verbrauchern bewusst ist. Milchbrötchen etwa oder geräucherter Lachs. "Im Ergebnis konsumieren wir unkontrolliert Zucker und nehmen mehr Kalorien zu uns, als eine gesunde Energiebilanz vorschreibt", sagt der Pressesprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft, Professor Dr. med. Andreas Fritsche aus Tübingen.

Manche Länder gehen unpopulär voran

Die Folgen sind viel beschrieben: 15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen sind übergewichtig. Übergewicht wiederum erhöht nachweislich das Risiko für Herzkrankheiten, Krebs, Arthrose, Schlaganfall und auch Diabetes mellitus. Gesundheitsexperten und Gesundheitsökonomen wollen das nicht weiter mit ansehen. Sie fordern Abgaben auf ungesunde Lebensmittel. Dr. Armin Fidler, Chefberater für Gesundheitsfragen der Weltbank hält das für eine gute Idee. In Finnland gibt es eine Steuer auf gezuckerte Getränke und Süßigkeiten, in Frankreich eine zusätzliche Besteuerung für Getränke, die Zucker oder Süßstoffe enthalten. Ungarn hat mit der Einführung einer sogenannten "Junk Food-Steuer"auf Lebensmittel und Getränke mit hohem Zucker-, Fett- oder Salzanteil für Aufmerksamkeit gesorgt. Auch in Irland und Großbritannien werden Zucker- oder Fettsteuern diskutiert.

Regulatorische Eingriffe dieser Art sind umstritten. Ihre Wirksamkeit wurde allerdings in zahlreichen Studien gezeigt. Eine Forschungsgruppe der Universität Oxford berichtete im Mai 2012 im British Medical Journal, dass mindestens jeder Fünfte von einer zielgerichteten gesundheitsrelevanten Steuerpolitik auf Nahrungsmittel profitieren würde. Eine vom Forschungsteam analysierte Studie ergab, dass eine Abgabe von 35 Prozent auf zuckerhaltige Getränke (0,34 € oder 0,28 £) in einer Kantine zu einem Verkaufsrückgang von 26 Prozent führte. Eine weitere Studie prognostizierte, dass 20 Prozent Steuer auf zuckerhaltige Getränke in den USA die Prävalenz für Fettleibigkeit um 3,5 Prozent herunterschrauben könnte.

Große Folgen – weniger Tote

Mehrere Studien sagen aus, dass kleine Änderungen in der Ernährung oft große Folgen bezüglich der Risikofaktoren für die gesamte Population haben: Würde in Großbritannien eine Mehrwertsteuer in der Höhe von 17,5 Prozent auf ungesunde Nahrungsmittel geschlagen, ließe sich die Inzidenz bei ischmäischer Herzkrankheit um ein bis drei Prozent senken. In Menschenleben ausgedrückt sind das 900 bis 2.700 Todesfälle pro Jahr weniger.

Quelle: wat/das/felt
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