Verband warnt vor Versorgungsengpass: Jede zehnte Hebamme gibt auf
VON TINA STOCKHAUSEN - zuletzt aktualisiert: 23.08.2010 - 21:15(RP). Die gestiegenen Beiträge zur Berufshaftpflichtversicherung können viele Geburtshelferinnen nicht mehr aufbringen. Sie müssen ihren Beruf aufgeben. Der Hebammenverband NRW warnt vor einem drohenden Engpass: "Das System wird ab Oktober zusammenkrachen."
geldern/kamp-lintfort Noch ein Mal wird sie ein Neugeborenes in den Händen halten, wird es in ein Tuch wickeln und der Mutter an die Brust legen. Noch ein Mal wird sie dabei sein, wenn eine Frau ihr Kind zum ersten Mal sieht, die Freude und das Glück miterleben. Noch diese eine Geburt, Anfang September, dann gibt die Hebamme Stephanie Manke-Reimers ihren Beruf auf. "So schwer es mir fällt, aber ich kann mir die Geburtshilfe nicht mehr leisten", sagt sie.
Manke-Reimers arbeitet seit fünf Jahren als Hebamme in Kamp-Lintfort. Am 1. Juli dieses Jahres hat sie entschieden, keine Geburten mehr zu begleiten. An diesem Tag wurde die Beitragserhöhung für die Berufshaftpflichtversicherung beschlossen – und wie jede zehnte Hebamme in NRW kann auch die 44-Jährige die deutlich höhere Summe nicht aufbringen: Statt 2370 Euro sollte sie künftig 3689 Euro im Jahr bezahlen. "Um diesen Betrag zu stemmen, müsste ich so viele Geburten zusätzlich übernehmen, dass eine individuelle Betreuung der Frauen gar nicht mehr möglich wäre – aber genau darum geht es den Hebammen schließlich."
Christine Niersmann war schon seit sechs Jahren bei keiner Geburt mehr. "Ich vermisse das schrecklich", sagt sie. Mehrere hundert Babys hatte die Hebamme aus Kerken auf die Welt geholt, bis sie sich 2004 entschied, die Geburtshilfe wegen der schon damals hohen Versicherungsbeiträge aufzugeben. Nun betreut sie zwar weiterhin schwangere Frauen bis zur Geburt und in den ersten Wochen danach, "aber ausgerechnet bei der Geburt, dem wichtigsten Moment, kann ich nicht dabei sein."
Zu ihren "Mamamia"-Frühstückstreffen, die sie mehrmals im Monat organisiert, kommen trotzdem viele Frauen, die von Niersmann betreut werden wollen. Auch Annika Linsen ist nach der Geburt ihres vierten Kindes im Geburtshaus wieder vorbeigekommen. "Ich hätte Christine so gern bei der Geburt gehabt", sagt sie. "Sie ist für mich wie eine Freundin, und ich vertraue ihr." Die Hebammen im Geburtshaus hatte sie zwar kennen gelernt, trotzdem rief sie sofort nach der Geburt bei Niersmann an. "Sie ist noch am gleichen Tag vorbeigekommen, und wir haben die Geburt besprochen." Für die Mutter aus Aldekerk ist es "eine schreckliche Vorstellung", ihr Kind im Krankenhaus zur Welt zu bringen, umgeben von völlig fremden Menschen.
Ab Oktober wird dies jedoch bei den meisten Geburten der Fall sein, wie der Hebammenverband warnt. Denn bisher zahlen die Hebammen noch monatlich ihren Beitrag der gestiegenen Berufshaftpflichtversicherung, um zumindest die zugesagten Geburten übernehmen zu können. "Aber ab Oktober wird der Jahresbeitrag von 3689 Euro fällig – und den werden viele nicht mehr bezahlen", sagt Angela Josten, Vorsitzende des Hebammenverbandes NRW. "Schon jetzt suchen die Krankenhäuser dringend Beleghebammen, die Frauen bei der Geburt betreuen. Im Herbst wird dieses System zusammenkrachen."
Mit Mahnwachen und Briefen an die Bundespolitiker versuchen die Hebammen schon seit Monaten, auf ihre Situation aufmerksam zu machen – bisher erfolglos. "Das ist ein Skandal", sagt Angela Josten. "Den Hebammen wird auf einen Schlag die Existenzgrundlage entzogen." Sie fordert nun, dass zumindest das Land NRW hilft und schnell die Gebührenordnung für die Privatpatienten aktualisiert. Dann könnten die Hebammen bei einem Teil der Frauen für ihre Leistungen nach den neuen Sätzen der Krankenkassen abrechnen, die etwas höher liegen.
Im NRW-Gesundheitsministerium ist man sich des Problems durchaus bewusst. "Die neue Privatgebührenordnung ist bereits auf den Weg gebracht", sagt Ministerin Barbara Steffens (SPD). "Aber die enorme finanzielle Belastung durch die hohen Versicherungsbeiträge können wir damit nicht kompensieren." Das sei nun mal Sache der Bundesregierung. "Das Kabinett muss schnell eine Entscheidung treffen, um dieses Problem in den Griff zu bekommen", sagt die Ministerin. "Wir befürchten, dass die Qualität der Geburtshilfe sehr unter einem Engpass an Hebammen leiden wird, wenn im Herbst viele aufhören sollten."
Stephanie Manke-Reimers hat ihre Entscheidung bereits getroffen: Ab Oktober wird sie nicht mehr im Kreißsaal stehen. "Ich leite bereits alle Anfragen an zwei Kolleginnen weiter, die schon jetzt hoffnungslos überlaufen sind", sagt sie. Für einige Frauen bedeutet das, dass sie keine Hebamme mehr finden werden, die sie auch bei der Geburt begleitet. "Mir fällt es sehr schwer, den Frauen absagen zu müssen", sagt Stephanie Manke-Reimers. "Aber ich kann die finanziellen Forderungen der Krankenkassen einfach nicht erfüllen."
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