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"Mein gesundes Kind" - Folge 2: Kinder sollen sich mehr bewegen

VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 13.06.2012 - 15:13

Düsseldorf (RPO). Viele Kinder- und Jugendärzte  beklagen, dass Kinder zu wenig Sport treiben und sich überhaupt auch im  Alltag wenig bewegen. Eltern können hier sinnvoll gegensteuern, das beginnt schon bei der  morgendlichen Fahrt zur Schule.

Kinder mit unbändigem Bewegungsdrang können Quälgeister sein, die ihre Eltern auf die Palme bringen. Viele Erwachsene gehen damit gelassen um, manche jedoch nicht - und halten ihre Kleinen zu einer seltsamen Geruhsamkeit an: Tob nicht so rum! Pass auf! Fall nicht runter! Und das, obwohl keine Gefahr für Leib, Seele, eigene und fremde Fensterscheiben droht.

In solchen Imperativen spiegelt sich vermutlich ein behütender Geist, der ohne böse Absicht verneint, dass Kinder diese Bewegung tatsächlich lebensnotwendig brauchen. Kinder spüren intuitiv, was ihnen guttut - Training von Bewegung macht sie sicher, schult ihre Motorik, kitzelt ihre Neugier, stärkt die Muskulatur, programmiert die für Bewegungsabläufe zuständigen Areale des Gehirns. „Wer als Kind nicht getollt hat, wird die Defizite später spüren“, sagt die Düsseldorfer Kinder- und Jugendärztin Irmgard Wirtz-Gerlach.

Info

Flyer für Kinder

Die Universitäts-Kinderklinik Düsseldorf hat zwei überaus lesenswerte
Flyer für Kinder, ihren Sport und ihre richtige Ernährung herausgebracht. Man findet sie im
Internet unter: www.uniklinik-duesseldorf.de/gesundes-kind

Am besten, Kinder machen regelmäßig Sport - und zwar über die alltägliche Bewegung hinaus. Aber allein diese beiden Konstanten fallen allzu oft aus. Sportunterricht wird nicht selten ersatzlos gestrichen. „In jedem Fall sollten Kinder möglichst zu Fuß und mit dem Fahrrad zur Schule kommen - das ist gesünder, als wenn sie bis vor die Klassentür mit dem Auto gebracht werden“, pflichtet der Kinderarzt-Kollege Sebastian Weinspach bei. So schleicht sich zunehmende Bequemlichkeit ein.

Die sitzende Generation

Tatsächlich sitzen Kinder jeden Alters den ganzen Tag. In der Schule. Über den Hausaufgaben. Vor dem Fernseher. Am Computer. Freunde werden nicht mehr auf dem Spielplatz besucht, sondern in sozialen Netzwerken zugeschaltet. Nicht wenige Kinder sitzen und sitzen - und vereinsamen. Und werden, ärgster Nebeneffekt, immer dicker dabei.

Spagat der Muster

Auffällig ist die Diskrepanz der Muster: Aktive Kinder treiben stets auch gern Sport, inaktive meiden ihn meist. Dabei lässt sich Sesshaftigkeit in frühem Alter gut korrigieren, wenn die Eltern einsehen, dass sie ihren Kindern Vorbild sein sollten. „Wichtig ist für Eltern zu wissen, dass Schulsport nie ausreicht. Er ist allenfalls ein Basisprogramm, ersetzt alltägliche Aktivität aber keineswegs“, sagt Wirtz-Gerlach. Ihr Kollege Weinspach ergänzt das: „Viele Eltern wissen gar nicht, wie viel sich ihr Kind bewegt. Das sollten sie aber.“

Vorbild Eltern

Wie werden Eltern zum Vorbild? Indem sie mit ihren Kindern selbst an die frische Luft gehen. Ein Waldspaziergang lässt sich allerorten durchführen, und dabei können Kinder beispielsweise auf umgefallenen Bäumen das Balancieren üben. In solchen Momenten gilt es auch, dass Eltern die Automatik ihres Ermahnens überdenken. Ein Kind, das oft zu hören bekommt, es solle gefälligst aufpassen, wird sofort ängstlich - und fällt runter vom Stamm. Ohnedies machen einige Eltern selbst die meisten Fehler, wenn sie bei jeder Gelegenheit ins Auto steigen, statt das Fahrrad zu nutzen.

Vergessene Spiele

Tobende Kinder, die miteinander spielen, sind gerade in der Großstadt fast unsichtbar geworden - und es gibt andererseits viele Eltern, die selbst gar keine oder nur wenig Kinderspiele kennen. Wer vermag noch den Reim des quicklebendigen Kinderspiels „Plumpsack“ zu singen und die Regeln aufzusagen? Welche Kinder spielen noch Räuber und Gendarm quer durch die nahen Gärten (zum Leidwesen der dort ansässigen Rhododendren)?

Das individuelle Kind

Wenn Kinder Sport machen - womöglich im Verein -, legen sich die elterlichen Sorgenfalten abermals krumm: Was ist das Richtige für mein Kind? Wird es sich überanstrengen? Kann es sich verletzen? „Eltern sollten hier gelassener sein und die Kinder selbst herausfinden lassen, was ihnen den meisten Spaß macht“, mahnt Weinspach. Dass ein Kind Hockey spielen soll, weil das schon der ältere Bruder tut, ist als Begründung indes unbrauchbar. Die Gleichschaltung kindlicher Neigungen zählt zu den notorischen Irrtümern familiärer Pädagogik. Kinder sind autonome Wesen, die sich schon früh durch Abgrenzung und Individualität definieren.

Integration für alle

Allerdings merken Eltern leicht, ob ihr Kind über den Sport auch sein Sozialverhalten schulen kann. Kleine zum Despotismus neigende Alpha-Tierchen können in Mannschaftssportarten subtil zur Integration in ein Team gebracht werden - das gilt, mit gegenläufiger Lernkurve, auch für das Mauerblümchen, dem der soziale Anschluss fehlt. „In Mannschaftssportarten wie Fußball, Handball oder Volleyball lassen sich Aspekte wie Ausdauer, Koordination und Teamgeist gewiss optimal schulen“, sagt Irmgard Wirtz-Gerlach - „und Frust wird auch abgebaut.“ Ob derlei offiziell im Verein oder auf dem Bolzplatz um die Ecke stattfindet, sollten Eltern angesichts lokaler Gegebenheiten entscheiden.

Richtiges Sitzen

Da sich das Sitzen partout nicht vermeiden lässt, sollten Eltern darauf dachten, dass das Sitzgerät ihrer Kinder variabel ist. „Ein Gymnastikball ist hier ideal, weil er richtige Haltung lehrt und nebenbei die Rückenmuskulatur trainiert“, weiß Kinderarzt Sebastian Weinspach. So wird sogar aus dem Sitzen beinahe noch gesunder Sport.

Quelle: csr/anch

 
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